Ich schaue nicht mehr so oft (deutsches) Fernsehen – und wenn ich es tue, dann weiß ich auch wieder, warum nicht. Zur besten Sendezeit kriechen da abgehalfterte Hackfressen aus den Sümpfen ihrer eigenen Irrelevanz und legen jegliches verbliebenes Schamgefühl für laue Konzepte und ein wenig Kohle ab. Interessant ist daran eigentlich nur, wie persönlich ich diese in Serie gesetzten Entgleisungen nehme.

Fernbedienung in die Hand, Bierflasche an den Mund – wenn ich alle Ansprüche an meine Freizeit hinter mir lasse, kann’s manchmal so einfach sein. Natürlich versuche ich erst einmal, Niveau vorzutäuschen und schaue mir eine Dokumentation auf Einsplus an. Vielleicht noch die Tagesthemen. Haltung bewahren! Mit der Sitzposition im Sessel sinkt aber auch der Anspruch und immer öfter ertappe ich mich, ungläubig an sogenannten Primetime-Sendungen hängen zu bleiben: DAS schaut also dieses „Deutschland“? Auf VOX sitzen: diese beiden Bosshoss-Typen, die definitiv mehr Zeit in Fernseh- als Tonstudios verbringen und das Unterhemd zwischendurch gar nicht erst wechseln; außerdem Samy Deluxe, Dauerdruffi Nena und neben anderen unerwähnenswerten Unterhaltern wie Wolfang Niedecken dann zu allem Überfluss auch noch der Wasweißichsohn Mannheims, Xavier Naidoo.

 

Irrelevante Cover von irrelevanten Liedern

Gegenseitig singen die alle die Songs der anderen und beklatschen sich dazu selbst – ein Publikum gibt es bei „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ nicht. Mit dem würde ich aber auch nicht tauschen wollen: Irrelevante Coverversionen von irrelevanten Liedern sind ja noch am erträglichsten. Ernsthaft muss ich mir da anhören, wie Samy Deluxe was von einem bunten, vielfältigen Deutschland quatscht und neben sich „Reichsbürger“ Naidoo sitzen hat, der sich bekanntermaßen gerne in tiefbraunen Verschwörungstheorien suhlt.

Schnell zu den Öffentlich-Rechtlichen retten. Die und ihre Spartensender haben ja durchaus ihre Berechtigung und dank ihres Bildungsauftrags und -anspruchs so etwas wie Schamgefühl und Niveau. Das dachte ich zumindest, bis ich über „Blockbustaz“ stolpere: eine furchtbar harmlose Plattenbau-Sitcom mit furchtbar belanglosen Witzen, und mit Eko Fresh und Ferris MC in den Hauptrollen.

Da bleibt mir echt ein bisschen das Hopfenwasser im Hals hängen: Rapper, die durchaus auch mal angeeckt haben, verkriechen sich in der hinterletzten Quotenecke für lahme Sprüche, die ihnen der Senderpraktikant geschrieben hat?

 

Echt jetzt: Haben die das nötig?

Jaja, ich weiß: Assi-TV runter- und selbst einen auf Feuilletonist machen – das ist natürlich ein alter Hut, den man im Mai zumindest mal wieder vor Böhmermanns VeraFake ziehen konnte. Ansonsten bin ich sicher nicht der Erste oder Letzte, der sich über den Verfall des Fernsehens beschwert, aber auch nicht so wirklich was dagegen macht außer eben nicht mehr Fernsehen zu gucken, was wiederum innovative und gewagte Formate geißelt.

Mich sollte das alles auch überhaupt nicht aufregen, aber ich kann vor Erstaunen nicht mehr wegschauen. Auch wenn die Musik von Bosshoss, Eko Fresh oder Xavier Naidoo in jeder denkbaren Variante an mir vorbei geht, repräsentieren sie doch die sichtbare Oberschicht deutscher Künstler. Und dass diesen In-Scheinwerfer-Werfern die eigene Pose reihenweise wichtiger zu sein scheint als die Produktivität, betrügt so ein bisschen den (eingebildeten) Berufsethos.

Für die meisten Künstler ist es eher ein unangenehmer Nebeneffekt, das Kunstprodukte auch Interesse an der Person erzeugen. Anderen allerdings scheint irgendwann nichts mehr übrig zu bleiben außer eben der Person und die Selbstvermarktung einer Figur, die kreativ schon lange nichts mehr Nennenswertes gerissen hat. Muss man deshalb gleich den Witz auf seine eigenen Kosten machen, zur Witzfigur für die eigenen Kosten werden?

 

 

Das fragen sich wahrscheinlich insgeheim alle erfolglosen Hobbyklampfer, wenn sie diese Hackfressen auf VOX sehen: Was würden sie selbst machen, wenn sie aus der (hypothetischen) Bekanntheit langsam in die Belanglosigkeit abrutschen? Hoffentlich keine Sendungen mit Xavier Naidoo, klar.

Aber irgendwo muss das Geld wohl herkommen. Und während der Großteil unserer wunderschönen Bundesrepublik sich ein bisschen auf die Beförderungsliste schleimt, durch irgendwelche mies bezahlten Ausbildungen quält oder die Mails dann doch eben auch am Wochenende bearbeitet, peppen diese Pappnasen eben ihre Songs gegenseitig neu auf und verbeugen sich vor allem vor sich selbst.

Alte Helden klappe Halten

Dass das als „Künstler“ eben  immer in einem öffentlichen Forum stattfinden muss, ist undankbar – für die und vor allem für uns. Der tatsächlich erhabene Künstler hält die Klappe, sobald er seine Schaffenskraft versiegen sieht. Aber wer würde wirklich diesen Schlussstrich ziehen wollen, wenn man noch Geld kriegt, solange man diese Klappe doch noch etwas weiter aufreisst? Wir alle, natürlich – denken wir uns zumindest, wenn wir vor VOX sitzen und die Fremdscham gar nicht schnell genug wegtrinken können.

Ich bin mir da aber irgendwie nicht so sicher, und das tut noch am meisten weh, während ich zum Kühlschrank schlurfe und die nächste Flasche herausziehe. Ich schalte auf stumm und klampfe mit Gitarre in der Hand meinen potentiellen Hit und schwöre: Den wird Xavier Naidoo niemals singen. Und wahrscheinlich auch sonst niemand.

Aber, die beste Meldung am Ende: „Sing meinen Song“ erst wieder 2017 – und ohne Xavier Naidoo!