Meinung: Stuttgarts Musik-Szene ist ein Retorten-Baby #deutscheleidkultur

Seit Monaten versuchen glücklose Feuilletonisten, Stuttgart eine Szene aufzuoktroyieren - so wie Xavier Naidoo es mit seinen angeblich guten Absichten tut. ...
Stuttgater-Musikszene

Wenn ich den Begriff Schule höre, muss ich zuallererst an viele unangenehme Dinge denken. Flötenunterricht, Hausaufgaben, unangekündigte Tests, der Gestank auf dem Klo, die unsägliche Kantine, Lehrer – die ihren Beruf mehr verfehlt haben als die Musikkritiker von SpiegelOnline – und Sarah S., die nicht auf meine Avancen einging. Beim Wort Szene ist das im Grunde nicht anders. Naziszene, Salafistenszene, Sehnenscheidenentzündung. Auch nicht unbedingt der Kracher. Dennoch bemühen sich seit einigen Monaten manch glücklose Feuilletonautoren redlich darin, Stuttgart ebenjene Begriffe aufzuoktroyieren – wie Xavier Naidoo es mit seinen angeblich guten Absichten tut. Und so jemand Harmloses wie Cicero stirbt dann. Sehr gerecht.

 

Zurück nach Stuttgart. Meine Heimat, nach Ansicht meiner stinkenden und verarmten Berliner Freunde sowieso eine ekelhaft reiche Spießerstadt unter dem Joch des Mercedessterns. Stimmt ja vielleicht auch, aber eben nicht nur. Nun hat es sich so ergeben, dass in ebenjener Vorhölle erzkonservativen Schwabentums urplötzlich Bands wie Die Nerven Musik machen.

Laute, unbequeme, verstörende und verbitterte Musik, die beim Pro-Kopf-Einkommen doch bitte schön deutlich weniger grimmig klingen müsste. Die Nerven waren die Band, die desillusionierten Journalisten klarmachte, dass Geld allein eben doch nicht glücklich macht.

Viel wurde geunkt über eine Post-Punk-Band aus der Saubermannstadt Stuttgart. Kehrwochenwitze hier, Maultaschenkalauer da. Deutschland, dein Humor!

Die Nerven

Nerven Die Nerven?

Heilandzack, isch des laut!

Dürfen die das denn? Geht das denn überhaupt? Solche Musik aus so einer reichen Stadt? Auch dank arte (*Ironie aus*) wissen wir mittlerweile, dass sie dürfen – und dass es geht. Die Nerven sind in aller Munde, werden vom Bodensee bis Flensburg natürlich auf Vinyl gehört und als Inbegriff neuer Stuttgarter Subkultur angesehen. Kann man machen, die Band ist ja wirklich so gut wie ihr Ruf.

Die unerträgliche Eigenart, gleich die nächstbesten Bands mit in den Topf zu schmeißen und vorschnell von einer Stuttgarter Schule zu sprechen, ist in etwa so sinnvoll wie das AfD-Parteiprogramm. Sicher, es gibt hier mit Human Abfall, Karies und manch anderen Querulanten derzeit jede Menge Bands, die sich in unbequemen, beunruhigenden und dystopischen Post-Punk-Stellungen erproben.

Mit einer Schule hat das aber vor allem deswegen nichts zu tun, weil die angeblich daran beteiligten Bands alles andere als linientreu zu Werke gehen und in vollkommen anderen textlichen Welten zuhause sind.

Kettcar

Nein, Linseneintopf und Labskaus schmecken nicht mal im Ansatz ähnlich!

In Stuttgart gibt’s halt keinen Fischmarkt, Du Feingeist!

Was bei der Hamburger Schule allein deswegen Sinn ergab, weil sie rund um den Golden Pudel Club gedieh und ein neues Selbstverständnis deutschsprachiger Künstler mit sich führte, wird in Stuttgart ad absurdum geführt. Es ist einmal mehr der verzweifelte Versuch, ein gewisses Momentum künstlich zu überhöhen, anstatt es als das zu begreifen, was es ist: Ein Haufen junger Menschen, die nicht unbedingt positiver Natur sind und durchaus auch mal Sorgen haben, was die Zukunft angeht.

Alles, was darüber hinaus konstruiert wird, schadet diesen Bands höchstens, weil es sie auf einmal aus ihrem Habitat reißt und ihnen etwas aufbürden will, was sie gar nicht sind. Kein Wunder auch, dass jede erwähnte Band nichts von einer sogenannten Szene oder Schule wissen will und sich eher über diese Begrifflichkeiten lustig macht.

Es gibt keinen Treffpunkt, es gibt keine vereinende Agenda, es gibt mit einigen Ausnahmen nicht mal ein gemeinsames Soundbild. Wo zur Hölle soll das denn eine Szene sein?

Dann ist alles eine Szene. Schau mal, die da drüben in den Autos. Die neue Autofahrerszene. Oha, hier, die im Café . Klar, die neue Cafészene. Auch en vogue: Die Vergewaltigerszene, die Ginszene, die Serienszene.

Cro

Nicht mehr das „Gesicht“ schwäbischer Musikschöngeisterei?

Gut, auch ohne Schönschreiberei

Das soll die Leistung dieser Bands nicht schmälern. Die Nerven und Human Abfall – von uns aus sogar Schmutzki – zeigen ein anderes Gesicht einer Stadt, von der die meisten keine Ahnung haben, die aber jeder gern niedermacht. Der Untergrund ist lebendig, dafür braucht er keine Schule, keine Szene, kein mühsam erschaffenes Kunstprodukt.

Doch die Profilneurosen, der Geltungsdrang und die Hochnäsigkeit der meisten Musikjournalisten sorgen auch hier dafür, dass sich jeder mit anderen bekloppten Umschreibungen übertrumpft, um als Coolster dazustehen, und damit den Zauber der Bands verfliegen lässt. Die Musik und die Künstler dahinter kommen dabei natürlich wie immer zu kurz. Aber so läuft es nun mal.

Hauptsache bei Noisey steht mal was Originelles.

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Nein, er wird deine lausige Band nicht in einem der zahlreichen Metal- und Rockmagazine unterbringen, für die er schreibt. Nein, du musst gar nicht erst auf die Idee kommen, ihm auf einem "Festival-Konzert-Besäufnis" ein mies produziertes Demo deiner ekelhaften Kellerkombo in die Hand zu drücken. Fliegt eh' gleich auf den Müll oder wird von einer befreundeten (natürlich erfolgreichen) Band dazu benutzt, ein paar Lines vor dem Gig zu legen. Nein, er wird niemals aufhören, Röhrenjeans zu tragen. Und wenn es nur deswegen ist, weil er in ihnen viel besser aussieht als Du. Liebe.
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    Auch feini fein