Revolverheld haben MTV Unplugged getötet. Haben den langsam vor sich hinrottenden Körper dieses todgeweihten Formats genussvoll hingerichtet. Zack, Kopfschuss, Blut und das bisschen Hirn, das noch übrig war, unregelmäßig an der Wand verteilt. Bravo, Jungs!

Kennt ihr dieses Ohnmachtsgefühl, wenn irgendwelche behämmerten IS-Vollpfosten jahrtausendealte Tempel, Denkmäler oder Statuen zerstören? Einmalige Kulturdenkmäler, einfach weggebombt wie der 15-Uhr-Bus in Bagdad, ein unschätzbarer Verlust und ein weiteres schönes Beispiel, wie wenig der Mensch seit der Steinzeit tatsächlich dazugelernt hat.

Ein ganz ähnliches Gefühl habe ich, wenn ich mir vor Augen führen muss, was aus dem Format MTV Unplugged geworden ist.

 

Ein großes Format liegt im Sterben!

Diejenigen unter uns, für die Musik schon immer mehr war als das Hintergrundgeräusch beim Wäsche bügeln und die nicht erst Musik hören, seit irgendwelche unbegabten Amateure Pandamasken aufziehen oder farbige Kontaktlinsen tragen, haben MTV Unplugged früher gottgleiche Verehrung entgegengebracht.

Wenn es ein Format gab, das ein Ritterschlag für künstlerische Integrität, für herausragende Leistungen war, dann war es dieses, das Musiker ihre Stücke in behutsam und filigran umarrangierten Unplugged-Nummern darbieten ließ.

Vor einem rechtmäßig ergriffenen Publikum, das damals auch wusste, was Melancholie und Verletzlichkeit ist, ohne sich irgendwelche Casper-Lines auf die Arme hacken zu lassen.

 

Zeiten ändern Dich?

Jetzt kommen also selbsternannte Künstler, machen einen auf IS und zerstören dieses Monument der Musikkultur, demontieren es völlig, reißen es in Fetzen und lassen nichts davon übrig als die schöne Erinnerung an seine einstige Bedeutung.

Viel ist passiert, seit MTV ihr damals revolutionäres Format 1989 an den Start gebracht hat.

Natürlich haben sich die Zeiten geändert und es ist genau so bescheuert, Vergangenem hinterher zu trauen wie es bescheuert ist, gegen den Bildungsplan zu demonstrieren oder Bushido wirklich cool zu finden.

Darum geht es hier aber gar nicht. Es geht um die mutwillige Zerstörung eines der letzten Bollwerke, hinter denen sich Musikliebhaber in Zeiten der gleichgeschalteten Konsumwelt noch verkriechen konnten.

 

Mit den Neunzigern kam das Elend

Kurz vor dem Beginn der in vielerlei Hinsicht schicksalhaften Neunziger waren es Bon Jovi, die MTV den Auslöser gaben, aus ihrem Unplugged-Konzert die wohl ikonischste Serie der Musikgeschichte an den Start zu bringen.

Jeder, der etwas auf sich hielt, wollte in der Folgezeit zu einem Unplugged-Auftritt eingeladen werden, Namen wie Paul McCartney, Bruce Springsteen oder Eric Clapton gaben sich die Klinke in die Hand. Goldene Zeiten!

Dann kamen Nirvana, über Nacht war das Format auch bei soziopathischen Jugendlichen der Hit, in der Folgezeit ließen es sich auch Led Zeppelin, Bob Dylan oder Oasis nicht nehmen, den Stecker zu ziehen. Sicher, auch in den Neunzigern gab es grobe Schnitzer, die Auftritte von Mariah Carey oder Shakira hätte man besser mal annulliert. Sie bildeten jedoch die Ausnahme in einem ansonsten schillernden und herausragenden Gesamtwerk.

 

Mit Deutsch, ohne uns!

Dass der erste deutsche Interpret bei MTV Unplugged Herbert Grönemeyer war – prima, kein Problem! Es war jedoch vor allem die Folgezeit im beginnenden 21. Jahrhundert, die das Format immer weiter gen Müllhalde bugsierte. Die Sportfreunde Stiller, Sido, Max Herre, Gentleman, ja sogar Cro durften in den letzten Jahren alle fleißig daran mitarbeiten, dass aus einer tollen Idee ein schlechter Witz wurde.

Eher gaben eine große Plattenfirma und ähnlich große Summen Geld statt wahrhaftig künstlerischer Besonderheit den Ausschlag, jene Bands in den legendären Kanon dieses Formats einzureihen. Und ihr nun, im Jahre 2015, endgültig den Todesstoß zu versetzen: Revolverheld haben jetzt nämlich auch ein MTV-Unplugged-Album veröffentlicht.

Ich meine, schon jemanden wie Kinderzimmerstar Cro mit Bob Dylan und Paul McCartney in eine Reihe zu stellen, ist in etwa so, als würde man Aldis Tetra-Pak Rotwein mit einem 1982-er Château Latour messen.

Und was Revolverheld angeht, fällt uns nicht mal eine angemessene Beschimpfung für dieses Sakrileg ein. Da können sie sich gleich einen Sprengstoffgürtel umbinden und in den Nahen Osten reisen. Noch gibt es ein paar Tempel und Statuen…