Muse-Drones-Review

Es ist kein Geheimnis, dass es schlecht um die Welt steht. Um das festzustellen, muss man nur mal eine halbe Stunde vor dem Fernseher, in einer Straßenbahn oder einem Primark nach Wahl zubringen. Warum Muse jetzt also ausgerechnet ein Album darüber machen müssen, dass wir alle längst zu Drohnen, zu unterdrückten Arbeiten ohne Individualismus geworden sind, weiß ich nicht. Das hätte ich den Engländern schon im Sommer 2003 sagen können, als ich drei furchtbare Wochen als Ferienarbeiter am Band von Daimler darben musste. In dieser Zeit habe ich abwechselnd meine Hoffnung verloren, die Menschheit abgeschrieben, leise in meinen stinkenden Spind geweint und die lethargische Existenz meiner Kollegen bestaunt. Ich habe es lebendig herausgeschafft, tausende andere aber eben nicht. Die sitzen nach Feierabend immer noch stur und stumm vor der Glotze, kippen sieben bis 18 Oettinger und zählen schon im Januar die Tage bis zu den drei Wochen Urlaub in der Heimat.

 

Ihr seid doch alle bescheuert

Wer nicht an einem Band steht, ist dennoch nicht weniger gehirngefickt. Da gibt es die, die Karten für den nächsten Reichsparteitag der Böhsen Onkelz kaufen, die, die bei „Sing meinen Song“ mitfiebern oder die, die mit dumm-seligem Grinsen auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart rumlaufen. Leere Hüllen wohin man blickt also, Individualität und Freiheit wurden erfolgreich von Kabelfernsehen, Kirche und mangelnder Bildung ausgemerzt.

Die große Frage ist also, ob die Millionenseller Muse mit ihrer Botschaft überhaupt weit kommen. Ist „Drones“ am Ende vielleicht wie dieser niedliche Versuch, einen Satelliten mit menschlichen Errungenschaften ins All zu schießen – in der Hoffnung, irgendeine hochentwickelte Alien-Zivilisation würde uns dann wegen Bach oder diesem bekloppten Zauberwürfel verschonen? Vielleicht.

eunuch
Achso. Pimmel ab heißt also für immer? Hmmm…

Eunuchen fürs Leben

Aber selbst wenn das Sci-Fi-Konzept der neuen Platte weitgehend ungehört verpufft wie das letzte Häufchen Hirnschmalz bei einem Onkelz-Fan nach dem dritten Bier, dann bleibt immer noch ein echt gutes Album. „Drones“ ist nämlich mal wieder Muse, wie sie im Buche stehen. Ein Album, auf dem man ROCK ruhig mal mit vier Großbuchstaben schreiben kann, immerhin steckt es voller Zitate von solch adretten Erzeugnissen wie „Showbiz“ oder Origin Of Symmetry. Eine Nummer wie „Reapers“ hätte zum Beispiel ganz gewiss auch auf dem ersten Album stehen können. Pumpende Drums, nervös flirrende Gitarren, Matthew Bellamys Eunuchengesang, den man eben liebt oder hasst. Ich liebe ihn. Und damit hast Du ihn auch zu mögen.

Kate Hudson
Hmmmm…Schmeckt fast wie Matthews…

Oh nein, Kate will abhauen!

Das Schöne an „Drones“ ist, dass man der Band die Lust am ROCK abnimmt. Das hier ist kein halbgarer Versuch, an frühe Glanzzeiten anzuknüpfen, sondern eine ehrliche Neuerfindung und Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt: kurze, knackige, druckvolle, erdige Songs mit den typisch verzerrten Gitarren, unnachahmlichen Harmonien, Refrains für die Ewigkeit. Weniger Pop, weniger Elektronik, mehr Biss und vor allem mehr Kritik.

Ganz nebenbei geht es nämlich auch noch um automatisiertes Töten und Bellamys grandios gescheiterte Beziehung mit der schnieken Kate Hudson. Da kann man schon mal wild werden, wenn man so eine Dame aus seinem Bett spazieren sieht. Aber weil Bellamy eben nicht so ein weinerlicher Kotzbrocken ist wie Coldplays Chris Martin, zieht er die Härteschraube dann lieber gleich wieder an. Das tut ihm gut, das tut der Band gut, das tut dem Album gut, das tut uns gut. Der Rest kann sich eh ficken und von Xavier Naidoo in den Schlaf lullen lassen.