Olli-Schulz-Feelings-Aus-Der-Asche-Review[dropcap size=big]E[/dropcap]s ist der Moment, in dem Du merkst, dass Du erwachsen wirst: Ich meine diesen einen Zeitpunkt, wenn Du erkennen musst, dass Opi nicht mehr die coole olle Socke aus unbeschwerten Jugendtagen ist, sondern im Prinzip nicht mehr viel mehr als ein Häufchen abgenutzter Zellen. Während man es mit zarten sechs Jahren gar nicht mehr erwarten konnte, die Großeltern am Wochenende zu besuchen, zerreißt es dem Mittzwanziger heute die Brust, wenn er mit anschauen muss, wie sich das geliebte Großväterchen in den eigenen Exkrementen suhlt, Nahrung nur noch fies püriert durch einen Strohhalm zu sich nehmen kann und anstatt lustiger Altherren-Sprüche unter der Gürtellinie eben nur noch Sabberfäden aus weiß-trockenen Mundwinkeln zum Besten gibt. Älter werden macht nicht nur die Älterwerdenden traurig. Und mich persönlich macht es umso trauriger, dass der Lauf der Zeit auch vor Olli Schulz nicht halt macht. Dieser hat jedenfalls die coole Socke abgestreift und stattdessen die schokoladenbraunen Gesundheitsschuhe aus dem Reformhaus angelegt … Das Motto lautet hier „einen lauwarmen Hagenbutte-Tee, bitte“ und nicht mehr „Gib mal ’n Astra!“.

Olli Schulz ist für mich wohl der feinste Musiker-Humorist in Deutschland. Er ist für mich nicht nur Lyrik, die eigentlich gar keine sein will, sondern viel mehr emotionale Authentizität. Und er ist für mich ein Talent, das viel zu lange ignoriert wurde. Wenn man mich fragt, hat sich Olli Schulz mit Zeilen wie

 


Für die sogenannten Verlierer / 
Für die Entrückten und Beseelten / 
Die mir in wunderschönen Liedern
 / Von ihrer Sehnsucht erzählten / 

Für die möchte ich singen
 / Weil ich auch nur einer bin / 
Auf der Suche nach dem Moment
 / Wenn die Musik jeden Lärm
 / Und jeden Schmerz von dir nimmt

(„Koks und Nutten“)
in Songwriter-Deutschland unsterblich gemacht. Nicht nur weil seine Werke auf eben jener letzten Platte Save Olli Schulz so herrlich erdig, so wundervoll ehrlich klangen, sondern weil dieser damals noch unbeschwerte Musiker über Dinge schrieb, sang und sinnierte, die berührten und forderten. Olli erzählte schlicht und ergreifend Geschichten. Heute rezitiert Opa Schulze leider nur Gefühlswelten der zwangsbeatmeten Generation Fernsehgarten – angestaubt, oberflächlich und irgendwie auch überflüssig.

 

Alter Mann PC
Soso…Ich kann meine Lyrics also auch mit einem von diesen Conpudern schreiben?

 

Früher war alles genauso beschissen!

So alles in allem wirkt der Hamburger Schüler wie einer, der partout nicht älter werden will und dadurch umso mehr gealtert ist. Dies macht er nicht mit fancy Haarschnitten, hippen Sneakern oder einem custom made Brillengestell aus dem Londoner Soho, sondern mit musikalischem Kitsch. Ja, Feelings aus der Asche ist kitschig. Songs wie Kinder der Sonne sind das vergilbte Häkeldeckchen auf dem Karo-Sofa der Schlagermacherei, Stücke wie das Titellied Feelings aus der Asche sind wie der Rentner, der morgens um Acht mit der Bahn fahren muss, obwohl er weiß, dass ihm die frechen Lümmel auf dem Weg zur Schule keinen Sitzplatz überlassen werden. Feelings aus der Asche musste so einfach nicht sein.

 

Früher war immer nur ein Körperteil steif!?

Wenn ich die Songs auf Ollis neuer Veröffentlichung mit etwas vergleichen müsste, dann wären es Pur, Pe Werner oder Purple Schulz. Wohl aber ein Halbschlager-Act mit dem Anfangsbuchstaben „P,“ denn dieser steht im Falle von Feelings aus der Asche für die songwriterische Parkinson-Erkrankung, an welcher der 40-Jähriger neuerdings leidet. Fast alle Songs wirken irgendwie steif, wie ein bettlägriger Patient, der einmal die Woche zwangsaktiviert werden muss. Im Falle von Feelings aus der Asche betrifft dies den Sound der Platte, der Authentizität, Rohheit und Lausbubenhaftigkeit für Stromlinienförmigkeit, Seriösität und aufgesetzte Reife aufgegeben hat. Als Singer- und Songwriter-Musik würde ich dieses Werk nicht mehr bezeichnen, mit Indie hat diese Platte so viel gemein, wie Heino mit Heavy Metal. Das hier ist vielleicht Chanson, vielleicht noch Liedermacherei. Und mal ehrlich, von Charakteren wie Olli Schulz wünscht man sich mehr.

 

Olli beim Songwriting?

 

„Schwester. Popo. Aua. Kacka.“

Was haben auch walzerartige Pianoeinlagen, Hall (!) auf der Stimme, synthiehafte Frauenchöre oder geflüsterte Worte auf der Platte eines Musiker zu suchen, der immer lauthals proklamiert hat, so derbe independent zu sein? Und textlich bewegt sich Graukopf Schulz sowieso nicht mehr auf dem Tanzparkett der Szene, sondern scheuert sich auf seiner vor Pathetik nur so triefenden Bett-Einlage im Heim der alten Liedermacher-Eisen neben Heinz Rudolf Kunze oder Westernhagen den Hintern wund. Man nehme als Beispiel einfach den kompletten „lyrischen“ Erguss im Track Dschungel …
Als B-Seite hätte Feelings aus der Asche gut hergehalten. Als neues Werk eines eigentlich authentischen Musikers enttäuscht diese Platte leider nur durch Phrasendrescherei und Oberflächlichkeit.
P.S. Feelings aus der Asche ist wie der jägergrüne Kord-Muff-Anzug, der zwar wie manifestierte Lebensweisheit anmutet, aber im Grunde genommen schon längst in die Altkleidertonne gehört.