One-Direction-Four-Review

[dropcap size=big]S[/dropcap]o oft schon musste ich mir Dinge wie „Musik-Nazi“ oder „unbelehrbar Gestriger“ anhören – und es hat mich nie sonderlich tangiert. Natürlich ist die Bezeichnung Nazi keine erstrebenswerte und nicht mal ein My stimme ich der braunen Suppe zu, die aus den Gullydeckeln quillt, die besagte Nazis dort aufweisen, wo sich eigentlich der menschliche Mund befinden sollte. Wahr ist hingegen, dass es durchaus Dinge auf Gottes schöner Erde gibt, die es wert sind, mit glühend heißer Inbrunst verabscheut zu werden. Dazu zählen Nachmittags-Talkshows, Dieter Bohlen und, womit wir beim Thema wären, piepsig gejaulte Boyband-Scheiße, die kleinen Mädchen das Herz in den Hello-Kitty-Schlüpper rutschen lässt und lange nicht an die Coolness der Backstreet Boys heranreicht. Ach ja, die guten alten Neunziger… aber ich schweife wohl schon wieder ab. Prokrastination aus Angst vor dem lauernden Gehirntumor. Egal, Augen zu und durch! Vinyl auf den Plattenspieler, die vor Vorangst – ja, richtig gehört, wie Vorfreude, nur nicht so schön – zitternde Hand mit aller Willenskraft (und einem Schluck Goldkrone direkt aus der Falsche) davor bewahrt, die Nadel mit aller Macht durch das schwarze Rund zu treiben – und los geht die wilde Fahrt. Kotztüten liegen bereit, die Sofa-Lehne ist in aufrechter Position, die Ohren sind aufmerksam gespitzt.

 

Exorzist Gif
Nikolausi, ich hab einen Wunsch: Nur ein Mal Harry die Zunge reinjagen!?

Erster Gedanke: Scheiße, wer hat Wham aus der Versenkung gebuddelt und „Last Christmas“ wieder aufgelegt? Drepressionen fördernder Weihnachtssound und das schon im November? Das fühlt sich an wie Schoko-Nikoläuse im Oktober bei Penny zu shoppen. Einfach saufalsch! Nachdem sich meine Ohren vom ersten Schlitten-Glocken-Schock erholt haben, heißt es wieder aufmerksam zuhören. Auffällig sind hierbei vor allem die ausgewählten Lyrics „Everybody wanna steal my girl“ und „Everybody wanna take her all the way“. Welche Girls meinen die Jungs denn nun? Doch nicht etwa die bezahnspangten Grundschülerinnen, die ein One-Direction-Poster über dem Kinderbett haben? Nein, nein! An solche Fritzl-Gedächtnis-Momente möchte ich gar nicht erst denken und „den ganzen Weg“ begleiten möchte ich einzig und ausschließlich die fünf Jungs – und zwar per Zeitreise direkt ins Mittelalter und an den Pranger auf dem Marktplatz, wo man für solch unsägliche Frevelei an der Kunst öffentlich mit faulem Obst und Gemüse beworfen wurde. Könnte man das bald mal auf einem Mittelalter-Weihnachtsmarkt ausprobieren? Auf’s Schafott mit ihnen, der König hat Wonne!

 

Scheiss auf Weihnachts-Überraschung, ich erhänge mich schon heute

Na gut, ich setze mal die imaginären Krone wieder ab und sehe vorerst von weiteren Bestrafungen ab. Das fällt jedoch merklich schwer, denn schon beim zweiten Song dieses zwölf Lieder umfassenden Langspielers trifft uns der nächste Schlag. Vom Winter Wonderland geht’s auf einmal direkt in den „YMCA“-Western. Der Einheitsbrei im Gesang  soll nun mit einem countryesken Beat aufgepeppt werden, bei dem sich selbst der wohl besonnene Willy Nelson dazu bequemt hätte, seinen Gaul zu satteln und die süßen Boys mit dem Lasso hinter sich durch den Staub der Prärie zu schleifen, nur um sich hinterher vor Fremdscham selbst den mit Perlmutt verzierten Colt in den Mund zu stecken. So, das war Schande genug. Ab jetzt kann es nur noch bergauf gehen, richtig? Falsch! Schon im nächsten Lied fliegen mir pathosgeschwängerte Zeilen à la „Where do broken hearts go?“ um die Ohren. Welche gebrochenen Herzen sind denn genau gemeint? Schon wieder ertappe ich mich dabei, wie ein diabolisches Grinsen über mein Gesicht zuckt. Die können doch nicht tatsächlich schon wieder von den zwölfjährigen Teenie-Groupies krakeelen, die sich mit ihrer Autogrammkarte und ihrem Kuscheltier in den Schlaf weinen, weil sie herausgefunden haben, dass sich Mutti die versprochen Konzertkarten mal wieder selbst unter den Nagel gerissen hat, um dann bei MTV live im Fernsehen den Idolen ihrer Tochter den Häkel-BH aus der ersten Reihe ins Gesicht zu werfen.

Tour de France Gif
„Ey Chef, wie weit ist’s noch?“… „Nur noch den Tourmalet und dann gehts nach Paris, ihr fetten Schweine.“

Wie bei der Tour de France wird es von Etappe zu Etappe merklich härter, jedes Lied kommt mir aufs Neue vor wie ein schier unbezwingbarer Anstieg biblischen Ausmaßes. Spätestens jetzt, bei Lied vier angelangt, gehen mir die immer wiederkehrenden Beats der Generation Zac Efron auf gut deutsch gesagt „tierisch auf den Sack“. Die Hoffnung, dass der Rest der Platte ein wenig Besserung bereithalten könnte, sind lange verflogen und ich ertappe mich dabei, wie ich für einen Moment dankbar bin, dass die flachen Messdiener-Stimmchen so schamlos nachbearbeitet wurden, dass sie uns wenigstens in eine Art gelangweilte Trance lullen, in der wir kurzzeitig debil grinsend durch ein gleichgültiges Nirwana wabern. Resignation macht sich breit und der „Es gibt nur One Direction und zwar immer tiefer mit möglichst viel Schmerz und Schaden“-Popwurm frisst sich gnadenlos weiter durch meinen Gehörgang.

Harry Styles Gif
Wie meinst Du das, ich sehe aus wie Harry Styles???

Mal ganz im Ernst, wer nimmt diesen Möchtegern-Sternsängern von nebenan die Unschuldstour denn überhaupt noch ab? „I’ve loved you since we were 18“ – hört mir doch auf mit dem Scheiß! Wir wissen doch mittlerweile alle, dass die Dackelblick-Schwiegersöhne gerne mal zur Flasche, Tüte oder zum gerollten Geldschein greifen. Und ganz ehrlich: wer könnte es ihnen verübeln? Schon nach vier Liedern sind wir bei der zweiten Flasche Billigweinbrand angelangt und we keep rollin‘ rollin‘ rollin‘! Aus purem Egoismus und Selbstschutz werde ich an diesem Punkt die Track-für-Track-Betrachtung dieses „Meisterwerks“ abschließen. Die Rigips-Wände meines Zimmers sind einfach nicht dick genug, um Mitbewohner und Nachbarn vor diesem Grauen zu schützen, außerdem weisen sie beunruhigend schnell hässliche Lochmuster auf, wenn man seinen Kopf so oft aus Frustration mit voller Wucht dagegen schlägt. Abschließend sollen jedoch trotzdem noch zwei Textzeilen aus den folgenden Songs Verwendung finden, um meine Gefühle für dieses Album treffen zusammenzufassen.

 

Hohoho…Den Finger in den Po!

„Spaces between us keep gettin‘ deeper. It’s harder to reach ya!” – Ich will doch hoffen, dass das so ist. So schnell wie ich Abstand gewinnen möchte, kann ich den verfluchten Graben gar nicht schaufeln. Ach, was rede ich! Ganze Galaxien möchte ich dazwischen stapeln und den Graben darunter  mit den Splittern der zerbrochenen Alben auskleiden, die ich zum Schutz der Menschheit aufgekauft und vernichtet habe. Nun zum finalen Refrain des letzten Liedes: „Here we go again […] we’re never coming back again!“ – Oh du liebe und allmächtige Amy Winehouse im Himmel, bitte nimm Kurt Cobain an die Hand und sorge in deiner unendlichen Weisheit dafür, dass nur dieses eine Mal ihr Wille geschehe. Mein einziger frommer Wunsch für Weihnachten: Bitte, bitte, bitte, liebes Christkind, lass One Direction einfach im Sack.

P.S. Ganz weit weg!