papa-roach-fear-review

[dropcap size=big]W[/dropcap]ir können verdammt noch mal froh sein, nicht unsterblich zu sein. Wenn man in einer fernen Zukunft auf unsere Generation zurückblicken wird, hätten wir sonst ganz schön viel, für das wir uns verantworten, schämen und rechtfertigen müssten. Ich meine nicht lapidare Dinge wie Pegida, deutscher Straßenrap, Kim Jong-un oder die hohen Kosten, die der Papst immer noch verursacht. Ist alles nicht so cool, schon klar, betrifft die meisten von uns aber nicht unbedingt direkt. Die Neunziger hingegen sind eine Epoche, die wir alle mitverantworten zu haben, und ich denke, es wird singulär in der traurigen und absurden Geschichte unserer bescheuerten Spezies bleiben, dass wir so etwas wie Nu Metal hervorbringen. Die reinste Proletariermusik war das, die prädestinierte Beschallung für Dorfpartys in irgendwelchen Bauwägen draußen auf Opas Feld, wo der Besitz eines Golf GTI gleichzusetzen war mit Geschlechtsverkehr, wo zurückgebliebene (mit Inzest ist nicht zu spaßen, Kinder!) Malerlehrlinge ihren dauergewellten Schwärmen mit stolzgeschwellter Hühnerbrust ihre Coca-Cola-Dosensammlung zeigten.

 

„Fred, Dein Taschengeld! Aber nicht mit Negern spielen!“

Nu Metal, das war in den Neunzigern die Musik für diejenigen Prolls, die irgendwie gerade noch klargekriegt haben, dass die Böhsen Onkelz nur was für unterbelichtete Hirnlose sind, die aber mit der Dringlichkeit und Authentizität von Rage Against The Machine maßlos überfordert waren. Also lieber schön Limp Bizkit hören und sich von einem verwöhnten, wohlhabenden White-Trash-Kotzbrocken wie Fred Durst etwas vom harten Leben auf der Straße erzählen lassen. Auf einmal kamen sie alle aus ihren Löchern gekrochen mit ihren Caps, ihren völlig amateurhaft bedienten Turntables, ihren untighten Raps und ihren aufgewärmten Riffs.
2000 tauchten dann Papa Roach auf der Bildfläche dieses dezidiert amerikanischen Massenphänomens auf – und irgendwie war bei ihrem Debüt „Infest“ alles ein wenig anders. Zwar tragen auch die Kalifornier moralische Lektionen und das knüppelharte Leben gern mit der extragroßen Schöpfkelle auf, musikalisch hatten sie trotz des nörgeligen Gesangs von Schuljunge Jacoby Shaddix und der auch bei ihm zu beobachtenden völligen Rap-Unkenntnis aber durchaus was zu bieten. Und ich meine eben nicht die Dorfdisco-Hymne „Last Resort“.

Kakerlaken Gif
Die Moshpits sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

 

„’Schuldigung, gibt’s da noch was von dem Ruhm und dem Geld?“

15 Jahre ist das jetzt auch schon wieder her, Papa Roach sind im Vergleich zu vielen anderen Bands aus dieser unsäglichen Epoche immer noch am Start. Limp Bizkit leider auch, aber das wird an anderer Stelle noch thematisiert werden. Auch bei Papa Roach muss man sich fragen: Warum gibt es diese Band noch? Warum erkennen Musiker ein musikalisches Phänomen nicht als das an, was es ist, greifen ein paar Jahre Geld, Chicks und Ruhm ab und verpissen sich dann auch wieder? Weil sie geil auf die Aufmerksamkeit sind natürlich, was denn sonst?
Das führte auch bei Papa Roach unweigerlich zu einem langsamen, aber unaufhaltsamen Abstieg von den Platin gekrönten Nu-Metal-Königen zu einer Band, die sich mordsmäßig anstrengte, ihre (ihr selbst wohl peinlichen) Wurzeln unter einer seriösen Maskerade zu verbergen und eine erwachsene Alternative-Rock-Band zu werden. So einfach ist das aber nun mal nicht, wenn man als klassische Teenie-Band angefangen hat, von Ängsten, Romanzen und Emo-Befindlichkeiten genörgelt hat.

Kakerlake Gif
Nehmt uns wahr…Bitte, bitte nehmt uns wahr!

 

Jared Leto, übernehmen Sie!

Mittlerweile sind sie beim siebten Album angekommen. Nach dem fürchterlichen, poppigen, elektronisch verschandelten, weichgespülten, dreist 30 Seconds To Mars kopierenden Totalausfall „The Connection“ durfte man völlig zu Recht kalten Angstschweiß im Nacken ob der Befürchtung spüren, was diese Fähnchen im Wind diesmal für sich auserkoren haben. Eine gewisse Form der Entwarnung kann allerdings gegeben werden: F.E.A.R. ist besser als „The Connection“. Klar, sehr hilfreich ist das nicht, es ist ja auch besser, nur Durchfall zu haben als Durchfall zu haben und sich gleichzeitig übergeben zu müssen. Eine ganze Menge falsch machen Papa Roach nämlich auch auf diesem Album.
Da wäre zum Beispiel die Produktion, die zwar weniger poppig, dafür aber völlig steril und gleichgeschaltet tönt. Mensch, da klangt Ihr ja auf „Infest“ besser, Jungs! Aus der Nu-Metal-Band, die kein Nu Metal mehr sein wollte, ist eine Alternative-Rock-Band geworden, die urplötzlich denkt, dass diese Sache mit dem Nu Metal ja doch nicht so schlecht gewesen ist. Das macht F.E.A.R. zum inkonsequentesten Album einer an Inkonsequenz nicht armen Karriere. Durchblicken tut da eh niemand mehr.
Hin und wieder, wie bei „Skeletons“ oder „War Over Me“, schaffen sie es, einen richtig guten Song zu schreiben. Nicht unbedingt originell, aber gut. Das geschieht immer dann, wenn sie sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, wie vielen Leuten dieses oder jenes gefallen könnte. Würden sie das öfter machen, könnte man ihnen die Weiterverfolgung ihrer allem Anschein nach überlebenswichtigen Bandkarriere verzeihen. Durch inhaltslose, überholte und völlig unnötige Emo-Parolen wie „Broken As Me“ oder (Achtung, ganz schlimmer Titel) „Love Me Till It Hurts“, in denen man einmal mehr gerne Jared Leto wäre, verbauen sie es sich aber gründlich selbst. Und dass sie bei „Gravity“ wieder die billigen Beats, die lahmen Raps und die gezwungene Melancholie aufleben lassen, macht mich sogar richtig wütend. Habt Ihr denn gar nichts gelernt?

 

PS: Nur weil ihr eine Kakerlake im Namen tragt, heißt das nicht, dass Ihr alles übersteht.