Das Grinsen wird lückenhafter, die Tattoos faltiger und die Haare sichtbar fettiger. Nein, wir reden hier nicht vom durchschnittlichen ASOS-„Sommer-Sale“-Kunden, sondern von einer zerfurchten Kult-Band, die ihr neues Album vielleicht auch besser zum Sonderpreis verramschen sollte.

 

Die Red Hot Chili Peppers waren über Jahrzehnte wegweisend. Nicht einmal der Geschmacks-Polizei von Spotify gelingt es, ähnliche Künstler vorzuschlagen (Foo Fighters, euer Ernst?).

Dieses Privileg hissen die braungebrannten Funk-Bengel nach wie vor als wehender Wimpel über dem Stammtisch alternder Rockstars.  Doch gerne gesellt man sich in diese illustre Runde nach dem ersten Hördurchgang von The Getaway nicht.

 

Ne, Mama, ich will Deine Möpse nicht sehn‘

Wer Fan der ersten Stunde ist weiß sicher, dass der zottelige Ziehvater und menschliche Hipster-Bart Rick Rubin die Peppers an seiner stolzen Produzentenbrust gesäugt hat:  Californication ist nachwievor ein Meilenstein amerikanischer Rockgeschichte. Doch der Säugling von einst ist nun ein alter Sack…

Und will mit der Studiomutti maximal noch an Feiertagen seine Zeit verbringen.

 

giphy
Ooooh, jaaaa… Und jetzt Delay, Baby!

Ein Gangbang der Kreativen

Nach 25 Jahren im Nest des wund-genuckelten Gurus markiert The Getaway nun die späte Pubertät der Kalifornier. Brian Burton, Kopf hinter den Gorillaz oder  The Black Keys, drückte sich Back to Back mit Nigel Godrich – der sechste Mann bei Radiohead und Produzent derer Scheibe „OK Computer“ – die Regler in die Dirigentenhände.

Diese neue Ambivalenz ist nicht nur zu hören, sie ist auch eine schöne Weiterentwicklung für eine Band, der man oft vorwarf nur einen Sound zu kennen.  Das Problem: wieso nur habe ich nach vier Songs das Bedürfnis mein T-Shirt wieder anzuziehen?

 

Erst der Furz, dann die Enttäuschung

Coole Leute, so wie euer Autor dieser Review, schätzen selbstverständlich Understatement in der Musik. Und Flea sowie Will Ferrells Klon an den Drums scheinen dies genauso zu sehen: ich werde geil und fummle durch sexy Songs wie „We Turn Red“ und „Goodbye Angels“ mit lechzender Aufmerksamkeit, in schwitzender Erwartung des Höhepunkts.

 

Doch kurz bevor sich das letzte Häkchen des Büstenhalters löst sorgen melancholische C-Parts und halbherziges Kehlenspiel Anthony Kiedis‘  für enttäuschende Erschlaffung… „Sorry Schatz, ich bin jetzt müde.“ Ein Furz erschallt. „Gute Nacht.“

giphy (1)
Funkt böse… Aber nur in der Lunge!

Ey, gib mir mal was für 10… Ich muss ne‘ Platte schreiben!

The Getaway klingt wie der Daft Punk Remix einer Peppers-Hippie-Version, in der irgendein Hobby-Gitarrist eine Monospur in Audacity angelegt hat und versucht, John Frusciante auf lächerlichem günstigen Schwarzen Afghanen zu imitieren.

Und genauso verrauscht, wie der Komponist dieser Platte wohl gewesen sein mag, kommt auch mir langsam, aber beständig,  die Erkenntnis:  dieses Album baut sich tatsächlich auf, öffnet sich, wird größer. In seiner Sphäre. Aber: Das tun Enyas Alben auch. Von treibender Rhythmik und scheppernden Tanzflächenmagneten fehlt jegliche Spur.  Da hilft auch das beste Dope nicht mehr.

 

Merke: Zucker iss nitta gutta!

Ja, dieses Album trägt dazu bei sich rasend schnell von Chilis zu entwöhnen. Es wird nicht lauter und frecher. Es wird breiter und umgarnender. Es gibt keine Zungenschnalzer, keine Gänsehaut und von nachklingenden Phrasen fehlt jegliche Spur.

The Getaway ist mehr Zucker als Pfeffer. Und Zucker ist scheiße, sagt mein Hausarzt.

 

The Walking Chilis

Seien wir mal optimistisch und behaupten, dass ein Produzentewechsel seine Konsequenzen hat. Auch für Größen wie die Chili Peppers. Seien wir aber auch mal realistisch und sehen ein, dass Bands sich nach über dreißig Jahren im Business verändern (wollen).

Mit dieser Einstellung nehmen wir die Funkrock-Legenden an die Hand, drücken sie zärtlich und flüstern: „Das war Mist, aber wir haben euch trotzdem lieb!“

Was wir jedoch nicht beeinflussen können, sind die blutigen, reißzähnerischen Mäuler der Zielgruppen-Zombies. Die werden nämlich fressen, was diese Band ihnen vorsetzt… Ohne jemals in den Geschmack wahrlich feinstem kalifornischer Fleisch gekommen zu sein. Ich hol‘ mir jetzt einen Salat.