rihanna-anti-review

Zum Glück gab’s das Ganze für umme. Tidal und deren dringendem Bedürfnis nach Promo sei Dank. Aber wofür genau bedanken wir uns hier eigentlich? Einem geschenkten Gaul schaue man doch bitte nicht ins Maul, heißt es immer so schön. Da wir bei IgittBaby aber die so verdammt gut verdienenden Zahnärzte der Popmusik sind, können wir nicht anders und begeben uns in diesen Höllenschlund. Wir fühlen Riris achtem Album auf den Zahn und (Spoileralarm!) fühlen dabei nullkommanichts. Zählt das jetzt als Majestätsbeleidigung der heute allerorten ausgerufenen neuen Popqueen? Wir wollen es hoffen!

 

Dass bei Musikern ihres Kalibers, die weltweit eher als Marke denn als Kunstschaffende funktionieren, groß aufgefahren wird, ist nichts Neues. Nach gut vierjähriger Albumdürre wurde ein Heer an erfolgserprobten Produzenten angekarrt, denen sicherlich nur eine Aufgabe erteilt wurde: Frickelt bitte den nächsten Chart-Sureshot zusammen, die 1 muss in so und so vielen Ländern her. Da hat sich jeder in seine Ecke verkrochen, hat geschaut, was in der Vergangenheit im Rihanna-Kosmos erfolgreich war und was aktuell so bei den jungen Leuten rund um den Globus gut ankommt.

Unter einem teilweise traurig offensichtlichen Artsy-Fartsy-Deckmäntelchen versteckt, wurde dann doch wieder Schema F angewandt. Denkt man sich beim ersten Durchlauf  noch, dass der ein oder andere Song überraschende Momente in sich birgt, folgt schnell Ernüchterung.

 

Wäre RiRi ein Schuh, wäre sie Deichmann

„Kiss It Better“ kann leider in die Tonne, der beabsichtigte Effekt will sich nicht einstellen, das bleibt platt und eindimensional von der ersten Sekunde bis zum letzten Akkord. Hier am besten nochmal bei The Weeknd zur Nachhilfe jetten: Genau diesen Sound, der auf dem schmalen Grad des Schmalzes und Kitsch balanciert und ständig von einer dunklen Wolke Ungewissheit und Abgründigkeit begleitet wird, zelebriert ebenjener kanadischer Barde mit leichtfüßigem Bravado. Auch „Woo“ versagt und enttäuscht trotz mantrisch simplen Beatbretts. Wenn das nicht wie Kanye West klingen sollte, dann gibt’s morgen bei uns Besensandwich in der Redaktion. Kopieren und kreieren sind zwei verschiedene paar Sneaker. Rihanna in dem Fall eher so Deichmann, bei Kanye wissen wir ja, was sein Schuhwerk kann.

Aber ganz im Ernst: Nur Kanye kann Kanye West. Auch wenn er völlig durchgeknallt ist, der Mann hat Visionen, er hat eine Agenda, er trägt Emotionen für Tausende in sich, ballert uns seinen Schmerz mit der Steinschleuder in die Fresse. Das passt. Bei Rihanna klingt es eben nur wie der verzweifelte Versuch, innovativ sein zu wollen, einen verspielten Song basteln zu müssen, der nicht den gängigen Hörgewohnheiten entspricht. Denn man ist ja jetzt erwachsen und so. Failed.

Rihanna-Fuck-You
Soso, gute Tracks wollt ihr also…!?

Emo, Clamyo, Gay, no!

Drake kann ANTI leider auch nicht retten, obwohl wir ihm sonst jede seiner Zeilen von den Lippen lecken. Bei „Work“ regt sich nix bei uns. Geht hier rein, da raus und bleibt dann zum Glück auch draußen. Die Emo-Gitarren-Fraktion wird dann noch mit „Never Ending“ und „Love The Brain“ abgefrühstückt. Natürlich soll hier ihre Wandlungsfähigkeit als erwachsene Künstlerin zum Ausdruck kommen.

Das kann man sich wirklich sparen. Und einfach mal zugeben: „Ja, die Songs mussten mit drauf, damit wir noch mehr von der eh schon so breiten Masse erreichen und die Tour in noch größeren Stadien gespielt werden kann und noch mehr Asche gescheffelt wird.“

Ja, wir sind im Anti-Modus. Es gab also doch etwas, das uns inspiriert hat.

 

KANYE WEST VERWIRRT
Aber, aber… Ich hab mir doch so ne‘ Mühe gegeben!

Lass Knacken, Nacken!

Einzig und allein „Consideration“ mit der aufstrebenden SZA an Bord bringt den Nacken zum Knacken. Aufs Wesentliche reduziert, Melodien werden versatzstückartig angedeutet, dreckig verzerrte Drums, die knochentrockenen Produktionen aus den Neunzigern zu huldigen scheinen. Davon mehr und das Baby wäre durchaus verzückt.

Wobei, auch „Close To You“ als Herzschmerzschnulze hat unsere roten Augen fast zum Schwitzen gebracht. Kann man durchaus auf die Playlist fürs nächste Date nehmen, wenn Netflix nix mehr zu bieten hat und man endlich zur Sache kommen möchte.

Wir müssen uns gar nicht drüber unterhalten, dass Rihanna natürlich – totally stripped down – eine großartige Sängerin ist. Nur darf man berechtigte Zweifel haben, ob sie es jemals schaffen wird, Liedgut zu recorden, das wirklich ins Innerste vordringt, dort einmal am Rad dreht und berührt, aufwühlt, verstört, einen mit Tränen in den Augen auflachen lässt. Wir würden es ihr wünschen. Vielleicht beim nächsten Mal tatsächlich den Rotstift ansetzen, downsizen und auf nachhaltiges Songschreiben setzen. Denn natürlich sind die Zutaten von ANTI alle ziemlich high class. Aber am Ende bleibt Konserve eben Konserve.