Saltatio-Mortis-Zirkus-Zeigeist-Review

Wir haben die in Leder und Rüstungsteile gekleideten Barbaren mit ihren ständig verstimmten Tröten ertragen, die Harfe spielenden veganen Elfen umarmt und die bärtigen Methornproleten hingenommen. Selbst das grassierende Piratentreiben in der Mittelalterszene haben wir großzügig ignoriert. Wenn uns die Spielleute nun aber auch noch mit plumpem Betroffenheitsrock und banalen Politstatements kommen, dann ist das Maß voll. „Zirkus Zeitgeist“ ist das Album für den Recken und die Maid, die heimlich auch gerne mal die alten Pur-Platten aus der Truhe holen. Um die ungeschminkte Wahrheit vorwegzunehmen: „Zirkus Zeitgeist“ ist eine Zumutung. Nicht nur optisch. Obwohl Saltatio Mortis in clownesker Aufmachung schon denkwürdig scheiße aussehen.

 

Ein Sack Reis mit kritischem Anstrich

Das Ärgernis beginnt schon beim Opener „Wo sind die Clowns“, in dem sich die Spielleute nicht entblöden, hart mit der Presse ins Gericht zu gehen. „Schrill klingt das mediale Echo, auf jeden Reissack, der umfällt. Wo steckt der Schalk? Wo bleibt das Lachen, wo sind die Clowns in dieser Welt?“ Mal ehrlich: In jeder vernünftigen Zeitung findet sich mehr Grund zum Schmunzeln als in halblustigen Tote-Hosen-Plagiaten wie „Weihnachtszeit“.

Die Düsseldorfer haben das Thema von „Frohes Fest“ (1983) bis „Weihnachtsmann vom Dach“ (1998) ja auch schon mehrfach bearbeitet, aber nie ein Ausmaß an gepflegter Langeweile erreicht wie diese Sackpfeifen aus dem Karlsruher Raum. „Der Weihnachtsmann trinkt Coca Cola?“ Wahnsinn! Das hat so viel Biss wie die Dritten meiner verstorbenen Oma und ist so aufregend wie der zitierte Sack. Vor allem aber ist es leider erst der Anfang. „Wir sind Papst“ zielt darauf ab, den Stolz der Deutschen auf ihr Fußballteam, ihre Dichter und Denker und ihr Land aufs Korn zu nehmen. Knallhart fordern Saltatio hier gleichzeitig mehr Lockerheit und mehr Bewusstsein für die Grauen der Vergangenheit.

Wer im Deutschunterricht aufgepasst hat, kennt das. These, Antithese, Synthese.  Die lautet: „Lasst uns Geschichte nie vergessen, doch mit Mut nach vorne schaun“. Wow! „Für jeden Querkopf ein Gummigeschoss“ hat mich irgendwie mehr bewegt. (Wen es interessiert: „1000 Gute Gründe“ von den Hosen anno 1988).

Bayern Gif
Für die Menschen…Hey!

Schunkeln für eine bessere Welt

Wirklich unappetitlich wird es, wenn Saltatio Mortis in „Augen zu“ das Horst-Wessel-Lied anklingen lassen. „Die Augen zu, die Lider fest geschlossen, weiter so, mit dummdreist festem Schritt. Das Volk marschiert noch wie in alten Tagen…“. Unüberhörbar schunkelt es auch immer noch gerne (Zumindest fordert der 6/8 Takt des Refrains unmissverständlich dazu auf). Jetzt alle! Ne, lasst mal. Ich geh lieber mal eben brechen, während die Uillean Pipe im Off weinerlich soliert. Apropos: „Nachts weinen die Soldaten“.

Sänger Alea, der Bescheidene, kniet sich dann an ihr Grab und fragt nach ihren Familienverhältnissen oder ihren letzten Momenten:  „Sag mir ganz leis, wie ging es zu Ende? Traf dich ins Herz ein gut gezielter Schuss?“ Das ist tatsächlich zum Heulen. Es geht um den ersten Weltkrieg. Um ein Massaker, bei dem Soldaten Gliedmaßen durch Splittergranten zerfetzt und Gesichter abgerissen wurden. Um Gasangriffe, um aus dem Körper quellende Eingeweide. Otto Dix hat dies Grauen in seiner Kunst adäquat verarbeitet.

Die selbsternannten kritischen Geister von Saltatio Mortis liefern billigen Soldatengräberkitsch.  „Todesengel“ wiederum bezieht sich offenbar auf die KZ-Erinnerung des überlebenden Mengele-Opfers Eva Mozes Kor. Der Refrain („Flieg mit mir zu fernen Sternen, bis ans Himmelszelt“) ist wie gemacht dafür, dass die Massen bei Konzerten beseelt ihre Arme durch die Lüfte schwenken. „Zirkus Zeitgeist“ schreibt das Konzept Histotainment fort: Noch die dunkelsten Kapitel der Geschichte werden zu Ohrwürmern. Guido Knopp goes Pop.

Clown Horror Gif
Und bei meinem nächsten Trick lass ich Deine Klöten verschwinden…Hihihihi.

Eierlos in der Manege

Dann doch lieber unverblümt anspruchsloser Dudelsackrock, der mal mit einer Prise Selbstmitleid („Geradeaus“), mal mit ein paar Promille („Trinklied“) daherkommt. Auch hier bleibt „Zirkus Zeitgeist“ Geschmackssache. Komisch gekleidete Typen, die sich in der Manege Torte ins Gesicht schmeißen findet ja auch nicht jeder lustig. Zumindest tun die aber eben nicht so, als hielten sie mit ihrem Treiben der bösen Konsumgesellschaft den Spiegel vor. Womit wir beim Grundproblem von Saltatio Mortis wären: Das nach außen getragene kritische Engagement wirkt prätentiös. Der stocksteif gestelzte Protest von Nummern wie „Des Bankers neue Kleider“ ist gleichzeitig so flunderplatt und geleckt glatt, dass man den Herrschaften zurufen möchte: Weg vom Schminktisch, raus auf die Straße! Wir brauchen keine Clowns, wir brauchen brennende Barrikaden! Oder zumindest Cochones!

Genau. Das ist es: Diese Platte ist beschämend eierlos. Wer sich hier auf den Schwanz getreten fühlt (laut Promotext soll das möglich sein), schreit sicher auch vor Schmerz, wenn ihn ein Wattebausch touchiert.

 

Uiuiui. Fast wäre die unheilige, wattige Klavierschmonzette „Ballade der Erinnerung“ unerwähnt geblieben. Meine Fresse. Was ist denn das? Ein Bewerbungs-Demo für Carmen Nebel? Ein schlechter Witz? In jedem Fall eine Zumutung für jeden, der mehr Rock’n’Roll im Blut hat als Tastenamöbe Richard Clayderman.

Igitt!