Samy-Deluxe-Berühmte-Letzte-Worte-Review

Der Dynamite Deluxe Hoodie hängt traurig im Schrank, Größe XL. Ja, damals musste ja alles sehr baggy sein. An kalten Wintertagen wird er noch rausgekramt, manchmal darf er Sonntag Mittags mit zum Bäcker. „The Classic Vinyl Files“ fristen ein nicht minder bemitleidenswertes Schicksal, viel zu selten dürfen sie aus der Versenkung emporsteigen und die Hifi-Anlage zum Scheppern bringen. Zumeist in den Momenten, wenn man sich sehr alt fühlt und zurück in die Endneunziger wünscht, als HipHop-Jams und der Duft der Montana- und Belton-Dosen pures Glück bedeuteten. Gut 20 Jahre sind seitdem vergangen. Samy rappt noch immer. Das Gefühl, das dieser Fakt hinterlässt, gleicht einer Münze, die sich dreht und dreht und einfach nicht umfällt.

Der gute Wickeda MC muss entschuldigen, dass hier im Folgenden der Begriff Review nicht wirklich trefflich gewählt ist für diese Aneinanderreihung assoziativ hervorschießender Gedanken. Natürlich wird auch das aktuelle Album „Berühmte letzte Worte“ zur Sprache kommen, letztendlich versucht das Baby sich aber mit sanften Schritten der Gewissheit zu nähern, mittlerweile zum alten Eisen zu gehören. Samy war einfach immer dabei.

Damals, als man es wirklich ernst meinte mit dem nachts rausgehen, Dosenklackern, seiner Stadt den Stempel aufdrücken. Anschließend mit den Jungs die grüne Brille aufziehen. Sonnenaufgang, Arm in Arm. Bei „Wie jetzt“ die pubertären Gemüter mit der Bierdusche abkühlen, dort im Antifa-Club. Es war egal, was gestern war und was morgen wohl sein würde. Man lebte hier und jetzt mit den „Ladies & Gentlemen“.

 

Lick an meinen Thong

Jahr um Jahr ging erbarmungslos ins Land, das sogenannte Erwachsenwerden hing einem schmierig grinsend im Nacken und klatscht einem mit zunehmender Intensität am liebsten mit der flachen Hand ins verkaterte Gesicht. Lebe deinen Traum pulverisierte sich zum Postkartenspruch.

Nachts raus bomben gehen? Lass mal, morgen ist Uni, dann Job, vielleicht bekomm ich demnächst die Chance aller Chancen bei VOX. Samy hat vorgemacht, wie es geht. Sing deinen Song, lick an meinem Thong.

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Wie, ich muss älter werden???

Peter Pan, halt doch einfach mal’s Maul!

Woran liegt es eigentlich, dass Rapper aus den Staaten noch immer so derbe cool sind, selbst wenn sie die 40 gekapert haben? Schon lange spukt diese Frage in meinem trüb-fluoriszierten Kosmos umher. Bilde ich mir das nur ein? Ist es nur so, weil dort der ganze Shize seine Anfänge hatte und die Wurzeln einfach viel tiefer schlagen? Jay Z, Big Boi, Nas, El-P undsoweiterundsofort. Auf Lebenszeit scheinen sie den Style gepachtet zu haben.

In Deutschland macht es den Anschein, dass es sich hierbei um einen sehr viel schwierigeren Prozess handelt. Rap wird allgemein mit Jugendkultur in Verbindung gebracht. Ist man über 30 und sagt, dass man Rap lebt und liebt, wird man belächelt, ernst nehmen einen nur wenige. „Ach der Kleine, wie Peter Pan, will einfach nicht groß werden…“ Fresse!!

MCs müssen hierzulande erwachsen werden, sich weiterentwickeln, den Künstler in sich entdecken, der zumeist der Musik die Seele raubt, weil er sie mit Pathos oder experimentellen Verzückungen oder tiefster Deepness oder peinlichem Jugendsprech von Langenscheidt und Co. erdrückt. Alternde deutsche Rapper können alles, nur es keinem Recht machen.

Solange die Snare den Takt vorgibt, wird gemäkelt und gemosert. Und dabei wollen auch sie nur spielen. Ihre Musik spielen, davon leben können. Ihre Liebe für dieses HipHop-Ding zum Ausdruck bringen. Mehr ist es nicht.

 

Schwarzrotgold ist das Klopapier

Auch Samy befindet sich in dieser Zweckmühle. Auch ich habe mich als einer dieser ewigen Nörgler entdeckt. „Ach damals war er ja noch so derbe, mit Dynamite Deluxe. Solo ging es dann halt mal so, mal so. Ja, die ASD-Geschichte mit Afrob war dann schon geil, aber nochmal aufwärmen hätten sie es aber nicht müssen.

Wenn er doch wieder so wie damals, und die Beats waren halt auch Bretter für die Ewigkeit, da war nix verkopft, Konzepte gab’s doch nur für die nächste Wand mit der Crew….“ Letztendlich ist es nichts als Gesabbel, das die goldene Ära noch ein wenig mehr aufpoliert.

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Komm schon her, Du geile Sau!

Mutter, das dürfen wir nicht!

Samy hat mit seinem neuesten Streich ein grundsolides Album abgeliefert. Natürlich kann er nach wie vor rappen, natürlich mag es jüngere Akteure geben, die innovativer sind als er. Kann einen stören, muss aber nicht. Er offenbart seine innere Zerissenheit, erzählt, wie er seinen Sohn vermisst und er damals im gleichen Alter darunter gelitten hat, keinen Vater an seiner Seite zu wissen („Papa weint nicht“).

Frauen verzücken ihn ganz ungemein, sei es die eigene Mutter, auf die immer Verlass war oder der heimliche Crush, den er nicht anspricht (btw: Das kaufe ich ihm ausnahmsweise mal nicht ab!).

Mit offenen Augen aus der Tür treten, nur dann kann man sehen, was die Welt zu bieten hat, aber leider leider ist der „Tellerrand“ für manche Zeitgenossen tatsächlich zu hoch. Sie schwimmen lieber in ihrer braunen Brühe. Aber auch hier hat Samsemilia das richtige Rezept: „Klopapier“ und das in schwarz rot gold. Er hat ihn halt immer noch, den Style der späten Neunziger.

Damals, im Antifa-Club.