Ich habe mich heute tatsächlich das erste seit sehr langer Zeit mal wieder gefragt, wo meine löchrigen „Schachbrett“-Vans abgeblieben sind. Ja, die in denen man das erste Mal geknutscht, geskatet, gekifft und total versagt hat. Aber: Kein Grund hier ein nostalgisches Fass aufzumachen. Saosin haben sich ja auch lange genug Zeit gelassen, um mal auf diesen Trichter zu kommen. Fass und Trichter. Ich bin richtig erwachsen, oder?

 

Along the Shadow möchte zweifellos sein Ticket „straight outta Kindergarten“, in welchem Sänger Cove Reber bislang noch der Sandkasten-Babo war, beim Hörer einlösen. Denn Band-Papa ist jetzt wieder Anthony Green, der alte Emo-Charmeur, mit sporadisch schäumender Champagnerschnute und der stets chalanten „Fickey Mouse“-Stimme, der uns mit seinem Wiedereinstieg in die Band in den Mannes-Schritt wahrer Gefühle treten will. Und ja, bei Gott, er trifft.

Er knabbert und lutscht an unseren schwarzen Lippenpiercings, bügelt die verbleichten Röhrenjeans wieder glatt und verdirbt uns die Lust, den schmutzigen Teller in die Spülmaschine zu räumen… Mama, lass mich ausreden!

 

Kindergartencops

Doch so sehr man sich über dieses Revival, Reunion, Reissue auch freuen mag, wollen wir Irgendwas-Zwanziger Saosin nicht da lassen, wo sie all die Jahre verschollen waren – im längst vergessenen Kosmos unserer jugendlichen emotionalen Instabilität? Diese Entscheidung ist zwar schwierig, doch so mancher wird es allmählich kapiert haben, der einen Rasierer endlich zweckkonform verwendet: der Blick zurück kann auch heilende Kräfte wirken. Und in Sachen Heilungen waren die Jungs fleißig. Achselflecken der Reflektierheit sozusagen.

Van
Vans, ich wollte Vans. Nicht einen… Ach, egal!

Es war nicht alles besser… Oder?

Auch mit Anthony Greens Vocals ist es heute wie damals: er bleibt umstritten. Ein bisschen wie eine Hundepfeife. Ertönt Sie, wird Fiffi aufmerksam und macht Männchen. Andererseits spannt sich manchmal die Stirn aufgrund der tonalen Schmerzen im Schläfenbereich unangenehm an.

Trotzdem sabbert und tropft genüsslich der Mund der wachsamen Muckerpolizei, denn die bekommen nach all den Jahren endlich ihren Fahndungskandidaten Nummer 1…

… Der Starter und gleichzeitig Single The Silver String offenbart sich als großartige Einstiegshymne. Pendantisch geschmiertes Stimmband-Stamina durchzieht jedoch nicht nur diesen Song, sondern die ganze Platte. Der Dude hat in der Tat was gelernt, im Circa Survive-Exil, und das ist eine ziemlich beachtliche Vocal-Range.

Dennoch: in vielen Parts ertönt die Wimmerfrequenz zu jaulend und quietschig und schmiegt sich an, wie der Pullover an Weihnachten, den ich niemals bekommen werde – weil ich cool bin. Bewerkstelligt wurde das Ganze vermutlich mit Whiskey-Frischmilch-Einlauf, während Wilson „Kingpin“ Fisk Omelette aus Greens Eiern briet. Mmmh, mit frischem Schnittlauch. Richtig lecker ist auch Klampfer und Gründungsmitglied Beau Burchell, der anscheinend besser stricken kann als die eigene Oma. Alte Technik, neue Wolle… Wollen wir!

 

Buddha, hol die Klampfe raus!

Saosin gleitet im songwriterischen Schneidersitz und malt meditierend bunte „Irgendwas mit Core“- Kondensstreifen in die Luft – Chem Trails der Emotionen sozusagen. Dafür stehen „Sore Distress“ und „The Secret Meaning of Freedom“, die dem Hörer gleich aufeinanderfolgend ins Gesicht schreien, welche mitreißende Abwechslung in diesem Album steckt.

Along the Shadow  ist eben ein Album mit System, versteht sich. Laut Band gibt es nämlich keinen Platz für „pretty weirdness“. Hübsche Verrücktheit also. Was diesen Musikern immer für dolle Sachen einfallen…

 

Mama, kannst Du mir das Geschenk für Papa einpacken?

Schneidende Gitarren, energetisches Songwriting und avantgardistische Gesangsarbeit hin oder her, doch was ist das für 1 Albumcover? Da vergisst Max Hipstermann mal schnell alles, was er über Kunst weiß. Als wäre die umgefallene Acht auf deinem spindeldürren Unterarm nicht schon unerträglich genug: Dieser Typ, der Mensch, die Unendlichkeit. Ein Mindfuck – und gleichzeitig so elegant anmaßend. Fast schon so wie der Name dieser Band.

Wusstest Du, dass Saosin chinesisch ist und frei übersetzt „Zwangsheirat aus finanziellen Gründen“ bedeutet. Mindfu… Nein, warte. Kommen wir lieber mal zum Schlusswort.

 

Das Schlusswort lautet Mindfuck

Überproduziert? Wo denken Sie hin? Geldmache auf den letzten Metern? Überhaupt nicht? Eine Band, die keine mehr braucht? Denkste!

Kultlabel Epitaph hat den richtigen Riecher bewiesen und diesen eckigen und spitzen Drops von einer Bandreunion so lange gelutscht, bis der Sound von Along the Shadow als glänzender Emo-Perle wieder ausgeschieden wurde. Passt immerhin besser durch euren Verdauungstrakt, eine quietschig, glänzende Kugel, was?