the-subways-the-subways-review

[dropcap size=big]O[/dropcap]kay, bei Billy Lunn haben wir es mit einem symptomatischen Fall von Klassendepp zu tun. Wikipedia schriebt zumindest diese so bescheuerte Geschichte über den Ursprung des Bandnamens, dass sie leider Gottes wahrscheinlich sogar wahr ist: „Den Bandnamen „The Subways“ (englisch für „Unterführungen“) hatte sich der Leadsänger und Gitarrist der Band Billy Lunn einfallen lassen. In seiner Heimatstadt floh er bei aufkommender Hektik während der Schul- und Arbeitspausen immer in eine Unterführung.“

Hektik während einer Pause? So etwas kann ja auch nur einem Emo einfallen. Einem verwöhnten bleichen Engländer, der sich nicht gegen die Rüpel durchsetzen konnte und lieber in einer stinkenden und feuchten Unterführung saß, bevor er Ärger bekam. Ist das noch süß oder ist das schon arm? Die Grenzen sind fließend wie Cheddar-Käse in der Sonne. Gut, Sonne gibt es nicht allzu viel in England, Cheddar-Käse und Idioten in Unterführungen dafür schon. Schlechte Musik auch. Das ist an sich erstaunlich, immerhin kommt aus diesem Land so verdammt viel gute Musik, dass ich manchmal gar nicht weiß, ob ich die Engländer dafür hassen oder lieben soll. Ist aber bislang immer noch gut ausgegangen.

 

Nimm mich zwischen den Ravioli!

The Subways allerdings, die liebe ich nicht. Sonderlich wegweisend, spitze, klasse, doll oder geil fand ich die zwar noch nie, aber 20.000 besoffene, promiskuitive und notgeile Southside-Kids können ja auch nicht irren. Kleiner Scherz. Können sie und tun sie natürlich. Ebenso reichlich wie sie unüberlegten und ungepflegten Geschlechtsverkehr in heißen Zelten auf billigen Isomatten zwischen Dosenravioliresten und warmen Bierpfützen haben. Ach ja, die Jugend. Wird ja glücklicherweise auch irgendwann erwachsen. Oder stirbt auf dem Weg dahin. Beides okay.

Solange sie noch lebt, noch jung ist und dumm, findet sie Bands wie die Subways ganz toll. Und das nicht mal zwangsläufig, weil sie die große Pause auch gern in einer Unterführung in Dülmen verbringen. Sondern weil es sie verdammt noch mal einfach nicht besser wissen.

 

Kurzer Rock und tiefer Ausschnitt

Das soll jetzt nicht heißen, dass der Dreier aus dem Land der Beatles grundsätzlich schlechte Musik macht. Ihr Indie Rock war in der Vergangenheit oft hübsch locker gespielt, fluffig, tat niemandem weh. Genau so geht die Chose auf auf dem wichtigtuerisch mit dem Bandnamen betitelten vierten Album auch los. „My Heart Is Pumping To A Brand New Beat“ hat einen schweinecoolen Titel und macht durchaus Lust auf die harmlose Indie-Party, die uns da wohl bevorsteht. Wird aber eher die Art von Party, die man zunächst als gute Ausrede genommen hat, die Alte zuhause zu lassen und sehr schnell sehr viel Bier und Schnaps mit minderjährigen Weibern zu trinken, die dann aber zum absoluten Rohrkrepierer mutiert, weil außer Dir nur ebenso langweilige Typen da sind.

Das Indie-Rock-Äquivalent zu einem Sausage-Fest? Fast. Immerhin haben die Subways ja noch diese blonde Ische am Bass, die mit kurzem Rock und tiefem Ausschnitt (you gotta love England) ein paar Backing Vocals ins Mikro säuselt und es so sogar schafft, die zweite Nummer „I’m In Love And It Burning My Soul“ zu retten.

Opa Rollstuhl Gif
Wenn Opi den Swagger auspackt…

 

„Opa, Du riechst.“

Dann war’s das aber endgültig. Ab Song drei geht es dermaßen auf Talfahrt, dass selbst der Super-G-Weltcupsieger nur neidvoll zuschauen kann. Stümperhafter College Rock mit nervigen Pop-Gitarrensoli (ja, die gibt es leider wirklich), mit Zuckerguss zugekleistertem Gesang und völlig standardisierten Melodien. Gott, das Ganze ist so langweilig, dass man manchmal gar nicht weiß, ob die noch beim Soundcheck sind oder wirklich schon spielen. Mit ein paar hingeschrammelten Riffs will man einen auf Garage-Band machen, klingt dabei aber eher nach der unaufgeräumten Garage des toten Opas: Muffig, nicht zeitgemäß und schrecklich angestaubt.

 

Was würde Boko Haran tun?

Schema F ist hier keine Floskel, sondern eine Tugend, herrlich banal malträtieren uns La-la-la-Chöre und erzwungen gute Laune. Klar, mehr wollen die Subways ja gar nicht sein, verdammte Feel-Good-Indie-Hipster eben. Die akute Ideenlosigkeit und die immer gleich aufgebauten Songs sorgen aber schnell dafür, dass die optimistische Grundstimmung des Anfangs mit gezielten Kopfschüssen hingerichtet wird. So würde Boko Haram mit guter Laune umgehen. Zack, bumm, weggefegt.

The Subways enthält Musik, die in den Neunzigern vielleicht noch auf dem ekelhaften Soundtrack einer High-School-Komödie auftauchen durfte oder beim Battle of the Bands 1993 in die Endrunde gekommen wäre. Heute klingt das aber zu kindisch, zu einfallslos, zu gleichförmig. Und allein in Sachen Songwriting und Lyrics dermaßen weit ab von Originalität und Pfiff, dass man die nicht unerhebliche Größe dieser Band ernstlich anzweifelt.

Queen England Gif
Out of my country, you suckeeers!

 

Selbst für Engländer zu blass

Was in einer Nummer wie „Rock’n’Roll Queen“ bis heute funktioniert – die leicht leiernde Nölerei, der treibende Beat, die schweren Gitarren und die tolle Melodie – wird hier ad absurdum geführt. Ausgerechnet auf dem selbstbetitelten Album also, dem man automatisch mehr Aufmerksamkeit beimisst. Das also ist für die Band also ihr ultimatives Album? Mit Verlaub, Ihr drei, das ist ein Armutszeugnis und wird Euch nicht gerecht. Zumindest hoffe ich das. Vielleicht könnt Ihr es aber auch einfach nicht besser. So sehr ich Engländer und ihre Musik liebe – das hier ist einfach zu wenig, zu halbherzig, zu blass (no pun intended), um auch nur ansatzweise Wind zu machen. Und wenn dann doch noch mal ein Lichtblick wie „We Get Around“ kommt, ist das auf die Albumdistanz sogar fast schlimmer als ein Totalausfall, weil man daran merkt, dass sie es ja eigentlich können. Aber eben entweder keinen Bock hatten. Oder um jeden Preis poppiger und gefälliger (aka erfolgreicher) klingen wollten.

„Is That Enough?“ heißt der letzte Song dieses Trauerspiels. Und obwohl er mit seinem schleppenden Takt und seiner endlich mal dezidiert britischen Aura viel besser ist als die meisten Stücke der Platte, muss die Antwort lauten: Ja, gottverdammt, es reicht! Noel Gallagher, übernehmen sie. Ein paar Backpfeifen und zerstörte Instrumente sollten fürs erste reichen. Und dann zurück in die Unterführung mit Euch!