Tame-Impala-Currents-Review

Für Zeitreisen benötigt es weder einen DeLorean noch Hoverboards und Marty McFly muss man auch nicht heißen. Glaubt ihr nicht? Langspieler auf das Grammophon, Nadel in die passende Rille und ab geht die wilde Fahrt. Wohin, wollt ihr wissen? Ein kleiner Tipp: Viele Menschen versammelten sich mehr oder minder geplant auf einem Acker in Amerika. Sie fuhren dem Klischee nach VW-Busse, trugen Blumen im Haar und Schlaghosen an den Beinen, schauten mehr schielend als geradeaus durch runde Nickelbrillen und predigten „Peace, Love and Harmony“.

Klangwellen wehen mir anmutig durch mein Haar (ich trage es natürlich offen und über die Schultern wallend, mit ein paar eingeflochtenen Federn und Perlen) und ich fange an, mich wie ein Derwisch im Rausch der Musik und anderer Substanzen zu drehen. Schneller und schneller, bis mir beinahe meine John-Lennon-Gedächtnis-Brille von der Nase rutscht und im matschigen Boden zwischen meinen nackten Füßen landet. Woodstock lässt grüßen und der psychedelische Sound, den Tame Impala auf „Currents“ geschaffen haben, klingt nach freier Liebe.

Phil Collins
Hey Beatles! Bock ein wenig zu bumsen? Hmm..

Wenn die Beatles und Phil Collins im Yellow Submarine ein Kind gezeugt hätten

John, Paul, George und Ringo fehlten beim wohl legendärsten Musikfestival der Geschichte, aber die neue Platte der zahmen Antilopen aus Perth klingt, als hätten Phil Collins Stimme und die psychedelischen Klänge der Beatles sich nach Woodstock gebeamt, und dort, nach zu viel LSD, im Rausch ein Kind gezeugt. Klingt ein wenig psychedelischer und synthielastig, aber immer noch wie die Beatles auf Acid – also quasi wie die Beatles.

 

 

„Ich nehme genauso viele Drogen wie ein normaler Mensch, der fünf Jahre jünger ist als ich!“

 

 

Diese Aussage von Kevin Parker, dem Kopf der Band, beschreibt sehr gut, was ihn wohl dazu verleitet, in der heutigen hektischen Zeit so entspannt und Sixties-mäßig abzugrooven.

Asthma Bong
Asthma? Das ist eine Erfindung der Pharmaindustrie!

Man reiche mir unverzüglich mein Kaleidoskop und meine Bong

Durchweg bietet das Album gefällige und harmonische Sounds, die auf entspannten Rhythmen durch die Gehörgänge schweben und gepaart mit den eingängigen Refrains ein wohliges Gefühl zwischen den Ohren hinterlassen. So wohlig, dass die Sicht sich verändert und fließende Formen in bunten Farben vor dem Augen umher tanzen, als hätte man sie zu lange fest zugekniffen.

Einzig I’m A Man unterbricht diese Harmonie vorübergehend – klingt allein der Titel doch zu sehr nach Manthem und vertonter Barney-Stinson-Hymne. Wisst ihr noch, damals, als Frauen noch nicht wählen durften und ihre einzigen Fragen im Leben aus „Was koche ich als Nächstes und welches Kleid ziehe ich an?“ bestanden? Ernste Zweifel am Gefühl und Vibe des Gesamtwerkes treten jedoch nicht auf.

Hippie
GLÜCK bedeutet: Wenn man weiß, dass das nicht nur Schlamm ist…

Ich möchte die Buchstaben G L Ü C K tanzen, bis meine Birkenstocks um Gnade flehen

Schon sind Unwetter und trübe Gedanken wieder vergessen. Frieden, Liebe und Harmonie, meine Brüder und Schwestern! Es macht doch viel mehr Spaß, sich im Taumel der Eurythmie durch Raum und Zeit zu tanzen.

 

„There’s a world out there and it’s calling my name – it’s calling yours, too!”

 

„Past Life“ ist das Gefühl, wenn man gedankenverloren in die leere Ferne starrt und die Wahrnehmung auf einmal zu einem Tunnel verschwimmt, der nur einen kleinen Bereich scharf darstellt und den Rest verschwimmen lässt. Genauso, nur mit Klängen. Songs wie The Less I Know The Better holen den geneigten Zuhörer mit ihren Gitarrenklängen sofort ab und nehmen ihn mit auf diese lange Reise, die die 13 Tracks bedeuten. Insbesondere bei „Reality In Motion“ fühlt man sich in die Sechziger versetzt und sieht sich selbst über den Zebrastreifen in der Abbey Road schreiten.

Gerade zu Zeiten von Pegida und Grexit-Hass ist Currents der einladend strudelnde Notausgang für den Geist, in dem der deutsche Monsun-Sommer vergessen werden kann. In dem man sich in eine bessere Welt zu träumen vermag, in der Hippie-Vans ganze Landstriche besiedeln, Blumen als Haarschmuck auch auf Arbeit taugen und Trips an den Bäumen wachsen.