Irgendwelche mystischen Könige, die für ein höheres Ziel töten und die ganze Zeit vor den Augen der psychisch instabilen Ermittler Rasen mähen… Kinderkacke! Ja, HBO hat es geschafft nach dem schmerzlichen Aus von True Detective und einer der schwächsten zweiten Staffeln einer Serie, seitdem es zweite Staffeln gibt, endlich wieder einen drauf zu setzen. The Night Of ist ein düsteres und abgrundtief pulsierendes Werk über Hass, Angst und Vorurteile. Und eine wunderschöne Hommage an die klassische Krimiserie an sich. 

Der junge Nasir Khan (ein in Beschlag nehmender Riz Ahmed) leiht sich das Taxi seines Vaters um in der Innenstadt New Yorks auf eine beliebte Party zu fahren. Dort kommt der junge Pakistani jedoch nie an, denn unterwegs steigt durch einen Zufall Andrea in den Wagen ein. Sofort knistert es und so verbringen die Beiden eine romantische und intime Nacht voller emotionaler Gespräche, Alkohol, Drogen und Sex. Als Riz am nächsten Morgen im Haus von Andrea erwacht, findet er die junge Frau jedoch bestialisch ermordet vor. Riz gerät in Panik… Und flüchtet. Mit der Tatwaffe in seiner Jacke. Nasirs einzige Hoffnung den vernichtenden Beweisen etwas entgegenzusetzen ist der spleenige John Stone (ein wahrlich göttlicher John Turturro!), dessen Anmutung genauso fragwürdig ist, wie dessen Professionalität.

Ein Tatverdächtiger, der so schüchtern wie unbeholfen ist. Ein Anwalt, der Gerichtsäle in Sandalen betritt um seine von Schuppenflechte befallenen Füße zu lüften und Polizisten, die so lethargisch wie menschlich sind: The Night Ofs große Stärke ist die Verankerung in einer ergrauten Realität, die so depressiv wie neugierig macht: Wenn Ahmeds Eltern ihren Sohn im Knast besuchen, muss der Zuschauer die Erniedrigung einer Leibesvisitation fast schon am eigenen Körper spüren. Wenn Anwalt Stone auf einer Pressekonferenz zum Fall einen Rückenkratzer auspackt, dann ist das so unverblümt realistisch wie unangenehm ehrlich. Echte Menschen fühlen, handeln und denken aber so. Und The Night Of hat das erkannt.

giphy (1)
Upsi, Daisy…

Neu ist das neue Neu?

Klar, die Geschichte von The Night Of ist alles andere neu – schüchterner Typ ist vermeintlich unschuldig, trotteliger Anwalt ermittelt und nichts ist so wie es scheint. Aber die Macher, die uns bereits mit dem preisgekrönten Drogenbollwerk The Wire gesegnet haben, spielen ihre Vorteile gegenüber Serien wie Law & Order oder Criminal Intent meisterlich aus. Wo sich genannte „Gassenfeger“ winden, strecken und selbst limitieren müssen, um ihre harmlosen Kriminal-Fällchen in 45 Minuten zu packen, platzieren die Autoren hier kleine Anhaltspunkte und emotionale Storyfetzen über mehrere Folgen.

Das zahlt sich in einer Klimax aus, die bereits ab den ersten 30 Minuten vor Anspannung fast nicht mehr zu ertragen ist. Hier brodelt es zu jeder Minute an der Oberfläche und der Zuschauer spürt, hier wird bald etwas ausgespuckt werden, dass das Licht der Oberfläche niemals hätte zu Gesicht bekommen sollen.

 

Flüchtlinge? Die waren’s!

Sowieso ist The Night Of keine gewöhnliche „Who Did It“-Story. Anders als bei Genre-Kollegen entspricht hier nämlich nichts der Norm: Cops starren müde vom Leben auf Autopsie-Berichte, wir lernen viel über Nasirs Verbleib im Knast, Ermittler versuchen es mit Freundlichkeit, statt professioneller Härte und zeitgemäße Sozialkritik erwartet man in solch einer Produktion schon gar nicht, die natürlich in Form von Nasir und seiner muslimischen Familie daherkommt.

Eine Szene bringt diese kritischen Untertöne wunderschön und erschreckend zugleich zum Ausdruck. Als John Torturros Charakter den Vertrag mit Nasirs Eltern schließen möchte, wird schnell klar, die Einwanderer-Familie ist nicht nur kulturell und sprachlich ausgegrenzt, sondern auch finanziell und sozial: Als John Stone seinen Betrag für den Rechtsbeistand für Nasir nennt, können seine Eltern nur resignieren. Es gibt keine Ersparnisse und keine Familienmitglieder in den USA, die aushelfen könnten.

giphy (2)
Das, ähm, das hab ich immer dabei…

Aus dieser schmerzlich realistischen Szenerie lassen die Macher jedoch nicht nur eine Honorar-Feilscherei erblühen, die auch an den Gewürzsouks Islamabads für großes Staunen sorgen würde, sondern bringen eine Menschlichkeit in diesen tiefschwarze Moment, der heulen und lachen zugleich lässt. Aber stets ohne erhobenen Gutmenschen-Finger oder wutbürgerliche Plattitüden-Spukerei.

Leckt uns, Rust und Martin!

Virtuos und düster zerstückelt The Night Of HBOs notgeschlachteten Prachtbullen True Detective und präsentiert uns eine Kriminalgeschichte, die wir zwar schon dutzende Male gesehen haben, aber so eben noch nicht: in Form einer schwarzgrauen Gesellschaftskritik, die nicht nur die Nerven beansprucht, sondern auch die linke Brusthälfte. Und mit John Turturros John Stone dürfen wir einem Charakter bei der Arbeit zuschauen, der wohl noch sehr lange in den Köpfen nachhallen dürfte.

Chapeau, HBO!