Kennt man ja: Bands, deren Mitglieder wohlbehütet aufwachsen, von Papas dickem Bankkonto finanziert werden, Leidenschaft mit Angeberei verwechseln, von unfähigen Feuilleton-Fatzkes an ihre hörige Leserschaft als nächste große Nummer verkauft werden und dann vor der ganzen Welt so tun, als wären sie ein paar Jungs von der Straße oder gramerfüllte, gepeinigte Seelen, deren einziges Ventil die Musik ist. Erbärmlich!

Dabei ist das einzige, das bei euch nicht stimmt, ihr verwöhnten Vorstadtkacker, eure zu enge Röhrenjeans, weil ihr doch fetter seid als ihr euch das eigentlich eingesteht! Also verpisst euch aus den sowieso viel zu wenigen Proberäumen und macht vor allem die Bühnen leer für Bands wie The Tidal Sleep. Auf die trifft all das oben erwähnte in keinster Weise zu. Ich weiß, in keinster Weise sagt man nicht, aber ich mache es trotzdem. Weil ich es kann.

 

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Was Deutschland sein will?

Können ist überhaupt ein verdammt gutes Stichwort für „Vorstellungskraft“. Das hier kann nämlich ziemlich viel. Das zweite Album der Mannheimer Post-Hardcore-Versteher ist all das, was ein Großteil dieses Genres hier in Deutschland sein will, aber nie sein wird. Wann kapiert ihr endlich, dass vollgehackte Hälse und Hände nicht reichen, um es zu bringen? The Tidal Sleep sind aggressiv bis zur Schmerzgrenze, ehrlich, eingehüllt von einer Patina aus Verzweiflung, Wut, Schmerz, Hilflosigkeit. Das ist der Stoff, aus dem die Albträume sind, die Geschichten von Abgründen, Untiefen und ziemlich miesen Erfahrungen.

 

Emo geht auch in „gut“

The Tidal Sleep wissen einerseits, was es bedeutet, „Hardcore“ in seiner Genrebezeichnung zu tragen, und haben andererseits verstanden, was genau es eigentlich mit diesem ominösen „Post“ auf sich hat. Laut, verzerrt, mit jeder Menge Hall und einem Instinkt dafür, was richtig wehtut. Und dass ihre Musik sehr oft trotzdem wunderschön, beinahe fragil ist, macht es ja gerade so besonders. Emo geht eben auch in gut. Die Schönheit des Schmerzes, würde ein Poet dazu sagen.

Mag sein, dass nicht jede Note perfekt glückt, nicht jedes Riff zündet. Gut möglich auch, dass Nicholas nicht jeden Ton trifft. Drauf geschissen. The Tidal Sleep haben etwas, das man nicht lernen und vor allem nicht kaufen kann: Einen dunklen Fleck auf der Seele. Und dafür liebe ich sie ein bisschen.