Tüsn-Schuld-Review

Ich war’s nicht. Der Neger ist schuld. Die Flüchtlinge haben meine Tochter angefasst. Der Ausländer hat meinen Job geklaut. So sieht es aus, das Land, in dem wir leben. Dumme Menschen sagen „Armes Deutschland“ dazu. Schlaue Menschen halten wie immer das Maul, schnappen sich ein paar Dosen mit Bohnen und hauen ab in den Wald. Schuldzuweisung ist eine neue olympische Disziplin, so scheint es, der Sport des Mit-dem-Finger-auf-andere-zeigen wird längst in mehreren Ligen ausgefochten. Champions League: Deutschland gegen Deutschland. Wir schieben die Schuld gern in die Schuhe, Sneaker, Sandalen oder Bambuslatschen eines anderen. Und lassen jeden Tag selbst mehr Schuld in unserem Orbit kreisen als unzüchtige Gedanken an die Bürokollegin.

 

TÜSN wissen das. TÜSN sind nämlich schlau. Sie tauchen aus dem Nichts aus, niemand weiß etwas von ihnen, es gibt weder eine offizielle Facebook-Seite noch konkrete Informationen über dieses Trio.

Früher in Punk- und Hardcore-Zirkeln unterwegs, irgendwann natürlich zu alt oder zu schlau oder zu gut geworden dafür, jetzt mit Gesang, Bass, Synthesizer und Drums unterwegs.

Klingt nicht spektakulär. Ist es aber. Vor dem Hintergrund eines gewaltigen Schuldenbergs, der auf uns allen lastet, haben TÜSN mit Schuld eine Sinfonie erschaffen, die zwischen Hedonismus und Selbstaufgabe pendelt und ebenjenen Konflikt in die wohl pathetischsten und besten Pop-Songs dieses Jahres kleidet.

 

Hannbial
Wie meinen Sie das, eine deutsche Band hat mir einen Song gewidmet?

Plastiktüten-Revolverheld-Fotzen

Schuld hat jeder von uns. Plastiktüte? Schuldig? Flugreise? Schuldig. Auto? Schuldig. Revolverheld-Fan? Schuldig, verdammt, und wie! Um zu begreifen, was das wirklich bedeutet, laden TÜSN so einer mehraktigen Reise in ihr schillerndes Universum aus mächtigen Worten, aus wummerndem Bass, aus anschmiegsamen Synthies und aus drückenden Drums.

Pathos einsetzen will gelernt sein. Ein Quäntchen zu viel und ein Andrew-Lloyd-Webber-Musical kommt dabei heraus, bei dem man sich am liebsten mit dem Programmheft erschlagen möchte.

Ein Quäntchen zu wenig und man klingt wie eine Emo-Heulsuse ohne schwarze Fingernägel und mit Bierbauch. TÜSN sind wahre Alchemisten, was den Einsatz jener Mittelchen angeht. Sie verhexen uns mit ihrer Sound-Zusammensetzung, liefern eine Art Indie-Pop-Gegenstück zu einer griechischen Tragödie.

Hannbial Blut
Seh ich aus, als würde ich mit Elefanten über die Alpen reiten, Du Depp?

Einmal die Nummer 5 mit Fritten und vielen Tränen

Und dann erst dieser Gesang. Es ist mir schon klar, wie es sich anhören muss, wenn ich einen Sänger preise, der sich allen Ernstes Snöt nennt. Aber einer wie er darf das. Weil er singt wie ein sterbender Caesar in einem Shakespeare-Stück. Gesang, Bass, Synthies und Drums. Ein Gefühl: Bei der Geburt von etwas Großem dabei zu sein. Ein wirklicher larger than life-Moment, den man im Majorlabel-Business selten vorgesetzt bekommt. Hören, versinken, leiden und triumphieren. Gleichzeitig.

Das Schönste an Schuld ist aber eigentlich, dass das Album derart frech zwischen allen Stühlen sitzt, dass es Hardlinern schon jetzt Tränen in die geröteten Fettaugen treiben wird: Für Pop zu düster, für Indie zu melodramatisch, für Post Punk zu Gitarren-los – und für Gothic einfach viel zu gut.