Wolf-Alice-My-Love-Is-Cool-Review

Allein unter Menschen, dieses Gefühl kennen wir soziopathischen Babys sehr gut. Obgleich beliebt bei und umschwärmt von allen, können wir den Schmutz, der sich täglich als unsere Mitmenschen ausgibt, kaum ertragen. In der kackvollen Bahn, in der der Bankangestellte in seinem kleinen 9-to-5-Elend versinkt und das Verprügeln der beiden unehelichen Kinder schon montags zum Höhepunkt des kommenden Wochenendes deklariert. In der Discounter-Schlange, wo versunkene Existenzen fleißig ihr TK-Hack, ihre Chips und ihr Plastikflaschenbier nach Hause schleppen, um sich zumindest vordergründig der Idee des schönen Lebens hinzugeben. Im House-Club, wo die Kiefer vor lauter billigem Pep oder MDMA verrutschen und der letzte Rest vom Monatslohn dafür rausgeworfen wird, die hässliche Techno-Bratze mit dem kurzen Rock einen völlig überteuerten und mies gemischten Gin Tonic gefügig zu machen, um bei der Afterhour in dieser lausigen und völlig verdreckten WG wenigstens was zum Rummachen zu haben.

 

Dalai Lama oder einfach nur bekifft?

Machen wir es also kurz: Menschen sind der letzte Dreck. Wer das nicht erkennt, hat sich entweder die Birne weggekifft oder ist der Dalai Lama. Obwohl ich nicht immer sicher bin, ob es da überhaupt Unterschiede gibt. Wolf Alice haben es auch nicht so mit Menschen. Und sie kommen aus London. Da gibt es eine Menge Menschen, so viel dazu.

Deshalb haben sie sich nach einer Kurzgeschichte von Angela Carter benannt. In der wächst ein Mädchen unter Wölfen auf, kehrt irgendwann zu den Menschen zurück – und fühlt sich fremd, allein, anders. Kennt jeder, der schon mal auf einem Helene-Fischer-Konzert war oder mit Bob-Marley-Shirt über ein Onkelz-Konzert spaziert ist.

 

Auch Hitler mag keine Besserwisser

Wolf Alice nehmen diese Fremdheit, dieses Gefühl, einfach nirgendwo recht hinzugehören, sehr wörtlich und bauen ihren ganzen Sound darauf auf. „My Love Is Cool“ heißt ihr Debüt, wirklich kühl klingen die Engländer darauf nicht. Höchstens ein wenig abgeklärt. Das ist für ein Debüt zwar merkwürdig, hängt aber mit dem nicht unerheblichen Hype zusammen, der der schnuckligen Sängerin Ellie Rowsell und ihren Pals in den letzten fünf Jahren entgegenschlug.

Zwar nur in England, doch die Engländer besitzen ja immer noch diese (leider nicht ganz ungerechtfertigte) Arroganz, dass jede zweite Brit-Rock-Band sowieso the next big thing ist. Echt blöd, dass die Tommys so oft Recht haben mir ihren glorifizierenden Prognosen. Hatten sie nicht auch Recht damit gehabt, dass Hitler den Krieg nicht gewinnt? Echt mal, niemand mag Besserwisser!

Scream Gif
Wie meinst Du das, Wolf Alice haben meinen Stil geklaut?

„Lass sie schreien, der geht’s gut!“

Warum Wolf Alice in der nächsten Zeit noch sehr viel größer werden als sie das bereits sind, liegt nicht unbedingt daran, dass sie besser sind als alle anderen. Daran liegt es ja nie. Es liegt daran, dass  sie sehr clever in allen Rock-, Pop- und Indie-Schubladen wühlen, die in den letzten 20 Jahren so geöffnet wurden. „Giant Peach“ frönt dem Grunge, meiner Meinung nach hat die Band allerdings wenig bis gar nichts mit Hole zu tun, wie die ja eh nicht für Expertise bekannten Kollegen von der Zeit emsig beim englischen NME abgeschrieben haben.

Der Grunge von Wolf Alice ist weder besonders schroff noch aggressiv, er wird immer schön darauf geachtet, dass die wirklich kratzbürstigen Seiten von jeder Menge Kissen abgepolstert werden. Auch wenn Ellie mal schreit, dann ist es nicht eine tief und innig empfundene Seelenqual, sondern ein Stilmittel, nichts weiter.

 

Verwirrung und Wut? Och nöö, danke.

Stört das? Nicht, wenn man sich darauf einlässt. Wolf Alice sind keine verwirrten und wütenden Teenager, sie sind eine Band, die sehr genau weiß, wie man hübsche, entrückte und wirklich bezaubernde Indie-Rock-Perlen schreibt, die genug Pop-Appeal für die großen Hallen und immer noch ausreichend Charisma und dunkle Ecken für den Musiknerd aufweisen.

Ist das dann also doch alles nur Kalkül? Bis zu einem bestimmten Grad gewiss. Spaß macht es dennoch – vor allem im fiebrigen Schlusspunkt „Fluffy“. Und das nicht nur wegen Ellie. Call me, dear!