AC:DC-Rock-Or-Bust-Review

[dropcap size=big]E[/dropcap]igentlich sollte es hier um AC/DC gehen. Um ihr neues Album „Rock Or Bust“. Aber weil es ebenso müßig ist, Worte über ein weiteres AC/DC-Studioalbum zu verlieren wie zu erwähnen, dass man Luft zum Atmen braucht und ein Feierabendbier notfalls auch ohne Feierabend geht, möchte ich mich lieber zunächst mal mit Phil Rudd auseinandersetzen. Der ist ja bekanntlich Schlagzeuger bei AC/DC und oszilliert bei mir gerade emsig zwischen „Idiot des Jahres“, „Held des Jahres“ und „WTF-Moment des Jahres“. Muss man auch erst mal schaffen.

 

Wie viel kostet eigentlich ein Auftragsmord?

Mit seinen 60 Jahren hat Rudd alles mitgenommen, was man im Rock’n’Roll mitnehmen kann und zweifelsfrei auch den einen oder anderen Schaden davongetragen. Er ist bekannt für ausschweifende Sexpartys, lässt sich lieber noch eine Line Speed auf dem Bauch einer nackten Frau kredenzen anstatt pünktlich ins Studio zu kommen, wo AC/DC gerade ihr neues Album aufnehmen. Logo, dass das bei den alten Aussies nicht gut ankommt. Mal ehrlich, wer in dem Alter noch Schuluniformen trägt, muss sich nicht wundern, wenn der Drummer ein Autoritätsproblem bekommt. Wirklich ernst wurde es für Rudd aber erst, als er verdächtigt wurde, mithilfe eines Auftragskillers zwei Menschen aus dem Weg geräumt zu haben. Das muss man sich mal vorstellen! Immerhin heißt das ja nicht nur, dass Rudd zwei Menschen unter die Erde bringen wollte, sondern auch, dass er wusste, wen er in einer solchen Situation anrufen musste. Ganz ehrlich, ich wüsste das nicht. Obwohl es manchmal ganz gut zu wissen wäre.

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Wenn ein älterer Herr in Schuluniform fragt, ob Du mit ihm Eis essen gehen möchtest…Sagst Du “Ja!”

„Der kleine Phil möchte aus dem Sexparadies abgeholt werden!“

Schuldig oder nicht, die Anklage wurde fallengelassen, war vielleicht nur ein makaberer Scherz aus seinem amphetaminzerfressenen Gehirn oder die Rache seiner neidvollen Bandkollegen. Die australische Art zu sagen, dass Phil Rudd bitte aus dem Sexparadies abgeholt werden und ins Studio kommen möchte. Die Sache mit den Drogen allerdings wurde nicht fallengelassen. „Anklagen wegen Besitzes von Drogen sind unbedeutend“ ließ sein Anwalt zwar in einem rekordverdächtig geilen Statement verlauten, das Gericht sah das aber irgendwie anders. Rudd kam zu spät zum Gerichtstermin – natürlich – und beschimpfte danach das elende Fotografenpack vor dem Gerichtsgebäude. Jetzt kommt aber das Geilste. Danach sprang er auf den Rücken seines Bodyguards (!), ließ sich von ihm zu seinem Sportwagen tragen (!!), stieg ein und baute beim Wegfahren fast noch einen Unfall (!!!). Geht’s eigentlich noch abgefahrener? Man muss sich das nur mal bildlich vorstellen…

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Wer wagt es meine Sexparty zu stören!?

„Lass mal besser den Motor an, Bon!“

Sorry, Malcolm, das mit Deinem Alzheimer ist wirklich schlimm und tut mir von Herzen leid, aber dieser irre Typ lässt Dich da echt ein wenig ins Hintertreffen geraten. Phil Rudd, der letzte Rock’n’Roller bei AC/DC? Gut möglich. Und ein geiler Drummer ist er noch dazu. Da mag jetzt jemand Dummes natürlich sagen, solch simple Takte würde jeder hinbekommen. Stimmt aber nicht. Auch nicht auf „Rock Or Bust“. Dieser Typ hat den Groove. Hat das Feeling. Kickt die Bass-Drum so punktgenau, versetzt der Snare so präzise eine Schelle wie es eben wenige andere können. Gut, er hatte lange Zeit zum Üben. Und dennoch verhält es sich bei ihm wie beim Rest der Hard-Rock-Rentner: So einfach gestrickt, so anspruchslos das auf dem Papier alles auch aussehen mag, so wenig Innovation ein 15. Album wie „Rock Or Bust“ auch erkennen lassen mag: Es ist immer noch nichts weniger als die Definition von Rock, die AC/DC mit Rock Or Bust bieten. Und Fakt ist: Jede andere Band, die sich am AC/DC-Schema versucht, kommt damit nicht allzu weit. Dass war schon damals so, als der alte Sänger Bon Scott nach zu vielen Schnäpschen wahrscheinlich in seinem Auto erfroren ist. Und das ist eben heute immer noch so. Ist doch nicht deren Schuld, dass es niemand besser macht als sie.

 

Bis einer heult!

Für Malcolm Young springt übrigens kurzerhand dessen Neffe Stevie Young ein. Der vertrat seinen Onkel schon mal auf einer kompletten Tournee, damit der endlich mal von der Flasche wegkam, und klingt Malcolm an der Gitarre (Überraschung!) zum Verwechseln ähnlich. Nicht, dass es plötzlich doch noch Innovationen bei AC/DC gibt. Und dafür muss man die Australier ja irgendwie mögen: Jedem einzelnen nimmt man ab, dass sie das, was sie da tun, gerne tun. Und auf „Rock Or Bust“ irgendwie tatsächlich wieder ein ganzes Stück jünger klingen als noch auf „Black Ice“. Bluesiger, rauer, mehr nach Siebzigern. Wer nach 40 Jahren im Business noch einen Song wie „Dogs Of War“ schreibt und nicht gerade erst aus kryogenischem Tiefschlaf geweckt wurde, hat vor allem eines verinnerlicht: Den puren Rock’n’Roll. Und den sollte man auch von AC/DC noch genießen, solange wir können. Bald schon wird diese Welt eine Welt ohne AC/DC, Motörhead oder Black Sabbath sein. Und wenn es dann nur noch die Nickelbacks und Broilers gibt, heulen wieder alle und wünschen sich die guten alten Zeiten zurück. So, jetzt springe ich auf den schönen Rücken meines Redaktionskollegen und lasse mich zum Kühlschrank tragen. „Feierabendbier“ trinken. Einmal Rock’n’Roll, immer Rock’n’Roll, Ihr Wimps!

PS: Nach der nächsten Tour reicht’s dann aber auch, gell?