AndYouWillKnowUsByTheTrailOfDead-XI-Review

[dropcap size=small]I[/dropcap]ch mach’s kurz. Das ist sie. Die beste Alternative-Rock-Platte des Jahres. Da kann nicht mehr viel kommen. Nicht mal die Foo Fighters. Oder vielleicht auch besonders nicht die Foo Fighters. Ach, Dave Grohls Goldesel kann da gleich noch mal als Vergleich herhalten: So ambitioniert sein Bestreben, Amerikas Musikgeschichte in ein Album zu kleiden, auch sein mag: Allein seine Nirvana-Tantiemen machen es möglich, dass er von legendärem Studio zu legendärem Studio ziehen konnte, um „Sonic Highways“ aufzunehmen. Zum Glück für ihn hat sich Kurt Cobain von seinem guten Kumpel, dem Earth-Gitarristen Dylan Carslon, die Schrotflinte besorgt und seinen Kopf zu etwas gemacht, das aussieht, als hätte man eine Wassermelone aus dem vierten Stock geworfen. „Nevermind, Kurt“, wird sich Dave gedacht haben und seine Zigarren bis heute an den Geldscheinen anzünden, die ihm „Smells Like Teen Spirit“ aufs Konto spült.

Ach, aber Moment mal, hier geht’s ja um And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Hupsi. Die übertreffen sich eh ständig auf eine Art und Weise, wie sich sonst nur RTL und RTL II in Sachen Dummheit und debiler Formate unterbieten. Ich sag nur: RTL-now.de kann auch unter RTL-nau.de erreicht werden. Für Menschen, die Cindy aus Marzahn lustig finden, ist das wichtig. Die wissen ja nicht mal, wie man „Abschaum“ buchstabiert. Vielleicht sollten die sich auch mal von Dylan eine Schrotflinte besorgen. Wassermelone und so. Aber wieder zurück zu And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Ohne die drei Punkte. Die finde ich nämlich albern. Alles andere an den Boys nicht.

 

Die Stimme der endlosen Prärie

Den Bandnamen zum Beispiel finde ich ja verdammt cool. Ob der noch als Tattoo irgendwo auf meinen Körper passt? Mal sehen. Geht hier ja um Musik und nicht um mich. Obwohl, geht ja irgendwie immer auch um mich. So als Autor. Ha! Dennoch habe nicht ich das Album „IX“ herausgebracht, sondern Amerikas Alternative-Rock-Heilsbringer. Und wenn ich Conrad Keely irgendwann man Backstage begegnen sollte, werde ich eventuell eine viktorianische Verbeugung andeuten. Oder gar einen Knicks. Mal sehen, was mir passender erscheint. Der singt nämlich wie ein junger Gott, wie der Rufer in der Wüste, wie die Stimme der endlosen Prärie.

Uramerikanisch ist das, was er uns seine drei Kollegen da machen. Allerdings nicht im Sinne von Oberflächlichkeit, religiösem Totalausfall und Kriegstreiberei. Auch nicht im Sinne von ekelhaft fetter Fressmaschinen und Anal bleaching. Sondern im Sinne von Weite. Von Freiheit. Vom unerklärlichen Mystizismus des Mittleren Westens.

 

Der folgende Abschnitt ist Ferkelei!

Die Riffs rollen heran wie eine Gewitterfront über endlosen Kornfeldern, die Drums prasseln wie starker Regen auf die Veranda eines leerstehenden Farmhauses. Von Conrad, dem Schnuckel, und seiner dollen Stimme hatte ich es ja schon. Diese Album ist eine tonale Naturgewalt, eine Kraft, die ihre Energie aus sich selbst schöpft und in wunderschönen Ergüssen entleert. Ich meine musikalische Ergüsse, du Ferkel, wir sind hier ja nicht bei Miley Cyrus.

And You Will Know Us By The Trail Of Dead verstehen es wie keine andere Band, das Grundgefühl eines Landes in Stücke zu kleiden, deren rohe Energie etwas Kostbares ist, das all euren anderen angeblichen Helden da draußen völlig abgeht. Ihr solltet euch eh schämen, soviel Rotze zu hören. Das hier aber, das ist Gefühl. Das ist echt. Fickt Coldplay, fickt 30 Seconds To Mars und den anderen Plastikmüll, der sonst so die Musikozeane verschmutzt. Macht einmal etwas richtig und lasst euch hinforttragen von einem Album, das einen so angenehm nihilistischen Unterton hat, der mich die Band noch mehr lieben lässt.

 

Rostige Messer in klaffenden Wunden

Es geht um Tod, um Verlust, um Trauer und um tiefe Wunden, in denen die Band absichtlich mit rostigen Messern herumgestochert hat. Hach, sowas mag ich. „Wenn du damit nichts anfangen kannst, bis du nicht menschlich und verdienst es, zu sterben“, sagen sie selbst über ihre neunte Platte. Auch schön: „Diese Übertragung soll dich fertig machen.“ Also, ich hab’s verstanden. Was ist mit euch? Ansonsten geb ich euch gern die Nummer von dem Earth-Typen.

P.S. Hier kannst Du dir noch was abgucken, Dave.