Die-Nerven-Out-Review

Wir können den Scheiß nicht mehr hören. Ihre Vorgänger-Platte wurde als „eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten diese Jahrzehnts“ bezeichnet. Live räumen die Zu-Einander-Dreher laufend Publikums-Preise ab. Und ihr Schlagzeuger trägt das famoseste Cousin-Itt-Gedenk-Haupthaar von hier bis Tibet über die Bühnen dieses Landes. Wer noch nicht weiß, um wen es geht, verpisst sich genau jetzt. Für alle anderen heißt „Out“ die neue Platte von Die Nerven. Wir stellen das Journaillen-Getöse ab, ziehen uns zur zweiten Verneigung vor Drummer Kevin Kuhn die Hose aus und riskieren ohne Vorbehalt ein Ohr.

Und tun es damit der Truppe gleich. Denn im besten Vincent Van Gogh-Stile hat sich die heißeste Dreier-Fantasie der unbefriedigten Feuilleton-Fetischisten und Kleingeist-Karaseks beide Ohren abgeschnitten.

Jene Körperöffnungen, in die im letzten Jahr mehr Tocotronic-Vergleiche und Lobeshymnen gestopft wurden, als Cindy Marzahns Wampe Bouletten verträgt.

 

Wege nach Innen

Kurzum hat die Band dem hellen Medien-Wahnsinn den Rücken gekehrt und ist in die Tannen gegangen. Denn mit Ralv Milberg, dem Haus- und Hof-Vertoner, haben sich die Stuttgarter in einer alten Sägemühle in den Wäldern eingesperrt und „Out“ mit einem so glasklar organischen Sound eingetütet, dass der Neid die Veganer unter euch in Form eines blutigen Steaks verspeisen wird.

Und Kinder, jetzt sperrt Augen und Ohren auf, denn die Babys schubsen die Thailand-Nutte nach draußen, spülen das Koks die Toilette runter und sitzen plötzlich aufrecht und gekämmt an ihren Tischchen. Jetzt wird’s ernst.

Klatschen Gif
Und…Wie findest Du „Out“…Ähm, Michael!?

Männer weniger Worte. Und keine ihrer Sorte

Denn was sich spätestens bei „Barfuß durch die Scherben“ dem Hörer entfaltet, beschreibt eine Katharsis allererster Güteklasse. Die nihilistischen Gitarren von „Jugend ohne Geld“ lassen Die Nerven ihr Innerstes ausspeien. Aufgesogen von den minimalistischen Basslinien von „Gerade deswegen“, führen sie ihren Geist Note für Note an den Rand des Wahnsinns.

Nackt, schreiend, weinend und keifend steht er als Verkörperung von „Dreck“ nun da und zerspringt schließlich unter den aberwitzigen Trompeten-Klängen von „Den Tag vergessen“.

Mit wenigen wohl gewählten Worten sagt das Trio dabei so unglaublich viel, dass die Literatur-Studenten unter euch mindestens zwei Thesen damit füllen können.

Und setzt auf „Out“ unglaublich reif, Songwriting-stark und spielwitzig die Einzeilteile ihres Selbst mit deutscher Fertigungskunst zu einer Platte zusammen, die schlicht und einfach nur Rock ist.

Pissen Gif
„Ja, Mami, ich komm gleich!“…“Nein, Du kommst jetzt!“

Mutti, lies weg

Und so scheißen Die Nerven auf Punk. Scheißen auf Tocotronic. Scheißen auf Spiegel Online. Scheißen auf Top-10-Listen. Scheißen auf diesen popeligen Blog-Eintrag. Scheißen auf alles, was ihnen zugedichtet wird. Scheißen im Zweifelsfall sogar auf Die Nerven und machen unter anderem Namen weiter. Und zwar mit dem größten Stinkefinger, den man allen zeigen kann: Dem, der gar keiner ist.

Denn Die Nerven konzentrieren sich einfach nur auf ihre Musik. Und die ist für wahre Fans selbiger unverzichtbar. So macht die Band alles richtig, weil sie nichts richtig machen will. Hast du was von Hype gesagt?