[dropcap size=big]E[/dropcap]s ist vor allem diese Frage, die sich aufdrängt: Was zum Henker soll das eigentlich alles? Dass Friedrich Liechtenstein mit seinem tiefen Timbre für eine der kurzweiligsten Werbeeinblendungen des Jahres gesorgt hat, steht ja außer Frage. Doch wieso um Gottes Willen jetzt ein Album nachfolgt, das einerseits künstlerisch-expressive Auseinandersetzung mit maroder Legendenbildung und andererseits ein betont trashiges Manifest sein will, wie es sich nur ein paar zugekokste Berliner Vollidioten ausdenken können, erschließt sich mir einfach nicht. Und mal ganz nebenbei: seine angeblich sexy tiefe Stimme ist doch auch nur ein schlechter Witz. Mal Leonard Cohen gehört, Sie Pseudo-Womanizer? Ich versteh’s nicht, ich versteh’s einfach nicht!

Friedrich-Liechtenstein-Bad-Gastein-Review

Supergeil? Pah! Superätzend!

Ebenso wenig verstehe ich das Album „Bad Gastein“. Und mit Verlaub, ich glaube nicht, dass mir da etwas entgeht in diesem merkwürdigen Kosmos aus Electro-Trash, Ambient-Geblubber, einer hauchdünnen Kunst-Patina, Hörspiel-Sequenzen und Konserven-Beats. Supergeil ist das nicht, superüberflüssig schon eher. Und superabsurd. „Hirsch“ ist dann auch das erste Wort, das Friedrich Liechtenstein auf diesem Sammelsurium pseudokreativer und vordergründig fantasievoller „Ideen“ spricht. Es ist ein Album über den ebenso sagenumwobenen wie charmant vor sich hin rottenden alpinen Kurort Bad Gastein, eine Art Sanatorium Berghof für dekadente Fürsten, Drogenprinzen und Lolitas. Dass die Jugendstilpaläste dort langsam zu Staub zerfallen, dass die einstige Schickeria nur noch als Geist der längst verblichenen Vergangenheit durch die Säle wandern, ist als Metapher, als Bild ja schön und gut. Es wäre aber besser zwischen Buchseiten oder auf der Leinwand aufgehoben. Oder, besser gesagt: es ist dort besser aufgehoben. Wer „Hôtel Solitude“ liest oder „Grand Budapest Hotel“ ansieht, der braucht „Bad Gastein“ nicht.

 

Leg dich nicht mit Falco an, Alter!

Aber wer braucht Bad Gastein eigentlich? Tja, das ist die große Frage. Als ebenso schwer wie der Versuch, dieser belanglosen und pseudoavantgardistischen Kuriosität irgendeine Form von Sinn abzuringen, erweist sich nämlich der Versuch, sich eine begeisterte Hörerschaft für dieses Stück typisch Berliner Seltsamkeit vorzustellen. Oder kennt ihr jemanden, der erst vier Minuten einer italienischen Frauenstimme lauscht und dann allen Ernstes eine rekordverdächtig billige Falco-Kopie namens „Goldberg und Hirsch“ hören? will Tut mir Leid, Herr Liechtenstein, aber da wollten Sie nach den Sternen greifen und haben doch nur den Kadaver eines verwesenden Straßenköters erwischt. Mit Falcos kongenialer Dekadenz, mit seinem abgründigen Abgesang auf die High Society, die Snobs und die Dekadenz, sind Sie nämlich so weit entfernt wie Edeka von einem Feinkostsupermarkt. Aber für Sie reicht wahrscheinlich der „Ja!“-Thunfisch aus der Dose. Oder hatten Sie eben gerade genug von dieser verdammten Armut und haben dieser Scheiße deswegen zugestimmt?

giphy
Sie sehen Aussschnitte aus dem neusten Edeka-Werbespot featuring jeglichen Track von “Bad Gastein”.

Immer wieder erzählt uns dieser bärtige Narzisst zwischendrin was vom Leben, gibt fadenscheinige Ratschläge. Das macht mich sehr schnell sehr wütend. So weit kommt’s noch, dass ich so einem Typen gestatte, mir was vom Leben zu erzählen. Da ist einem drittklassigen Künstler der Ruhm der Werbewelt zu Kopf gestiegen. Oder er hat von seinem Produzenten genug Wundermittelchen verabreicht bekommen, um ernsthaft zu glauben, eine gequirlte, anspruchslose und beleidigend primitive Nummer wie „Elevator Girl“ wäre auch nur ansatzweise Musik. Einzig und allein in einem Punkt muss man „Bad Gastein“ Raffinesse zugestehen: Jeder Song ist für sich genommen eine derart dreiste Mogelpackung, eine systematische Verarschung jedes Käufers, dass man sich kaum entscheiden kann, welcher der schlimmste ist. Und wenn ich jetzt noch einmal „Supergeil“ höre, kotze ich Edeka in die Wurstauslage.

P.S. Ich geh’ nur noch zu Aldi!