[dropcap size=big]N[/dropcap]a gut, ich gebe es ja zu, ich bin Emo. Ich bin ein vertrottelter, bierbäuchiger Kleinstadtmittdreißiger, der sich bei „Stadt der Engel“ die Tränen nicht verkneifen kann, der ausschließlich im Schein von „Die-Nehme-Ich-Noch-Schnell-Bei-Ikea-An-Der-Kasse-Mit“-Vanilleduftkerzen baden geht und der sich fast schon tödliche Dosen Zucker verabreicht, sollte die Herzensdame es auch nur wagen, die ach so lustigen Whatsapp-Bildchen nicht innerhalb der nächsten 30 Minuten mit einem Smiley zu kommentieren. Okay, ich gebe es ja zu, es reichen Fünfzehn. Aber, und dieses aber sage ich laut mit stolzgeschwellter Totenkopf-Brust und viel zu enger Washed-Out-Jeans, eine olle Heulsuse wie Gerard Way war ich nie. Auch nicht, wenn das Handy-Disyplay nach zwei Stunden immer noch schwarz ist. Gerard Way ging da immer einen Schritt weiter und widmete den kajalbepinselten Triefaugen von Tattoo-Pummelchen den ganzen Pathos einer Band. Doch – und ich weiß, die trendverweigernden Shoppingmeilen von Essen oder Ludwigshafen wissen das zu widerlegen – auch Emos entwickeln sich weiter. Daher widme ich diesen Artikel der fragwürdigen Evolution eines pausbackigen Jammerlappens, der mit „Hesitant Alien“ endlich mal ein dickbusiges Model flachlegen will und vor dem Sex eben nicht mehr die „A Nightmare Before Christmas“-Stulpen von den Wurstärmchen schälen möchte. Meine Damen und Schlappschwänze, bitte streichen Sie sich die fettigen Haare aus dem Gesicht und legen die Rasierklingen zur Seite, das hier betrifft vor allen Dingen Euch.

Gerard-Way-Hesitant-Alien-Review

 

Der Name “Hesitant Alien” ist Programm: wenn Gerard Way sein zahnfleischüberwuchertes Lächeln fletscht, ist es keine Frage, ob dieser Herr von einem anderen Planeten stammt. Es bleibt lediglich die Frage, ob es auch in fernen Galaxien so etwas wie Identitätskrisen geben mag. Mal geschminkt wie ein Zombie oder mal ungepflegt-fettig wie ein Meth-Opfer. Und wenn dann gar nichts mehr geht, bleibt ja immer noch der Hipster.

Gerard Way legt Images schneller ab als ich meine Achtung für The BossHoss mit jeder weiteren Ausgabe von „The Voice of Germany“. Und da ist er auch schon, der Bomben-Vergleich, denn Way ist schlicht und ergreifend die talentiertere Ausgabe des einzigen Lichtblicks in der dreißigjährigen Geschichte von RTL, „Menderes“.

 

“Hudson Sir! Er ist Hicks”

Diese Platte fühlt sich fast ein wenig so an, als hätte Way vor Bohlen und der „Findest Du zwischen Sudoku und Leserbriefen“-Prominenz aufträllern müssen und wäre dabei kläglich gescheitert. Und genau wie sein „Brother from another Mother“ hätte er sich nun die Haare aufgehübscht, das Speckbäuchlein abtrainiert und die Garderobe aufpoliert.

alien
Lässt mit seinem Lächeln das Blut in den Adern gefrieren oder Frauenherzen schmelzen: Gerard Way.

Bis auf den feinen Unterschied, dass Menderes’ aufgemotzte Edelkauleiste nun mehr Popmusik affine Zahnarzthelferinnenherzem zum Schmelzen bringen dürfte, als Way mit seinem Xenomorph-Grinsen. Doch Way hat eben etwas, das den meisten Nulpen abgeht: Talent.

Es ist schon faszinierend mitanzusehen, oder viel mehr anzuhören, wie sich Way auf dieser Platte das starre Exoskellet seiner emobehafteten Vergangenheit abstreift und ein recht agiles, fast schon vitales Bürschlein durch das Brustbein bricht. Spaghetti-Dinner mit Stil ist nun angesagt. „Hesitant Alien“ ist nämlich kein Soundtrack für traurig-melancholische Stunden im luftleeren Kosmos selbstmitleidiger Sozialausserirdischer, sondern einer für die Straße.

 

Ein Hoch auf das Eckenkind!

Mit krautigem Blues à la „Bureau“ oder mit College Rock-artigem Popgeschrammel wie in „Action Cat“ beweist Way, dass „schwarze Paraden“ und „gebrochene Herzen“ endgültig hinter ihm liegen. Das hier ist die Musik eines ausgestoßenen Nerds, der keine Lust mehr hat, auf der Abschlussfeier in der Ecke zu stehen. Das hier ist die Musik eines erwachgewordenen Songwriters, der für ein “Ich mach das jetzt mal allein”-Album wahrlich abwechslungreiche Kost kredenzt.

 

First take of the chest-burster scene. The alien didn’t come through the shirt, and they had to cut the shirt more
Raus aus der hässlichen Emo-Kostümierung: Gerad Way hatte eine ganz schön schwere Geburt.

 

Klar, auch auf Ways Solopfaden bleibt belangloses Gedudel nicht aus. Wie “No Shows” oder “Get The Gang Together” beweisen. Wobei das auch schon immer die Krankheit von Band-Sängern auf Egotrip war. Schließlich gilt es nun eine eigene musikalische Identität zu finden und das erscheint nach einer prägenden Zeit, wie es die von My Chemical Romance ja nun Mal war, eine künstlerische Herausforderung. Aber Way weiß gut mit dieser Bürde umzugehen.

 

Reichst Du mir mal die Stierhormone, Schatz?

Es gibt ja auch noch klitzekleine Hits wie “Brother” oder “Drugstore Perfume”, die beweisen, dass dieser Typ richtige Songs schreiben kann. So völlig ohne falschen Pathos, so völlig ohne übertriebene Melancholie. Einfach schöne Songs, die manchmal klingen, als hätten Oasis zu viele Stierhormone gespritzt oder U2 endlich gelernt, dass man zum Muckemachen auch Eier braucht. Sowieso klingt “Hesitant Alien” an vielen Stellen wie traditioneller Britpop. Und das ist kein schlechtes Attribut.

Gerard Way erfindet die Welt nicht neu, aber er macht sie definitiv ein bisschen besser – indem er einen profillosen Emobarden sterben lässt. Ab heute brauchen wir die Rasierklinge nicht mehr zum Ritzen, ab heute nur noch zum Lines bauen.

 

P.S. Das wäre doch in Deinem Sinne, neuer Gerard?