Er kann besser Alles als Du, ist sehr wahrscheinlich klüger, talentierter und kennt die besseren China-Restaurants in Berlin. Trotzdem hat sich Hendrik Ortemba unseren Fragen gestellt – Und so sehr wir uns auch bemüht haben, einfache Antworten und monokausale Zusammenhänge aus ihm herauszupressen, so umsichtig und differenziert blieb der Messer-Sänger am Ende. (Zu diesem Interview empfehlen wir: Espresso, Grappa und Kippe)

 

Seid ihr Jäger oder Sammler?

Kommt ganz auf die Situation an. Auch innerhalb der Band gestaltet es sich da ganz unterschiedlich. Man merkt das auch: Manchmal wollen welche von uns los, um zu jagen und die anderen sind im Sammler-Modus. Man muss stetig ausloten, wen man jetzt vorschickt. Ob gejagt oder gesammelt werden soll.

 

Und du selbst? Jäger oder Sammler?

Ich habe schon das Gefühl, manchmal Sachen hinterherzujagen. Aber eigentlich bin ich eher Sammler: Ich bin Veganer, ich bin Sammler!

 

Warum willst Du die Jalousie zuziehen?

Ich gucke schon gerne Leute an. Und wenn man über Menschen und deren Zusammenleben schreibt, dann hat man bestimmt auch was Voyeuristisches. Ich habe aber auch total das Bedürfnis nach Privatsphäre und manchmal auch Einsamkeit. Ich ziehe die Jalousie auf jeden Fall zu, wenn ich meine Ruhe haben will und dann kommt da auch kaum jemand durch.  

 

Auch um in der Einsamkeit dann über deine Texte zu reflektieren?

Das gilt eher für die Momente, wenn ich an meinen Zeichnungen und Bildern arbeite. Bei Messer findet die Reflektion im Proberaum statt oder wenn wir was zusammen Essen gehen oder einfach abhängen. Bei uns gibt es immer die Spannung zwischen gefühlsbetonten und intellektuellen Entscheidungen. Und das wechselt auch zwischen den Einzelnen von uns. Deshalb würde ich sagen, selbst wenn ich mal was unüberlegtes tue, was bestimmt häufig mal vorkommt, ist da irgendwer aus der Band da, der mich drauf hinweist und mich quasi dazu nötigt, zu reflektieren.

 

Messer ist also keine Hendrik Otremba-One-Man-Show?

Ne, überhaupt nicht. Das war von Anfang an klar, dass es so nicht ist. Und es ist auch dadurch gewachsen, dass wir als Band mit gar keiner klaren Vorstellung angetreten sind, was wir genau machen wollen. Wir hatten eher eine klare Vorstellung davon, was wir alles nicht machen wollen. Es war ja überhaupt schon mehr oder weniger ein Zufall, dass ich Sänger bei Messer geworden bin. Ich habe vorher Bass gespielt und nie gesungen oder Texte geschrieben. Und dann habe wir eben irgendwann einen besseren Bassisten gefunden – was nicht schwer war! Wir waren schon von Anfang an vier, und mittlerweile in veränderter Konstellation fünf Leute, die das zusammen machen. Davon lebt Messer.

 

Meinst Du, dass auch euer „DIY“-Hintergrung eine Rolle spielt?

Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Was ich interessant finde: Welche Rolle das spielt, bemerkt man eigentlich erst, wenn man so ein bisschen zurückschaut. Denn während du in so einem DIY-Kosmos drin bist, dann ist es für dich eh das Normalste der Welt, das du alles selber machen musst. Ich hatte früher nie das Gefühl, ein Teil einer Community zu sein und wenn ich jetzt so zurückblicke, begreife ich erst, was das für mich als Teenager für eine Rolle gespielt hat. Wir haben zwar natürlich Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, aber wir haben auch immer das Gefühl, wir können uns um unsere Sachen auch selber kümmern. Man ist mit dem Hintergrund auch mutiger. Man versucht alles selber anzupacken und wenn man merkt, dass es nicht klappt, dann lässt man’s eh. Das ist bei uns auf jeden Fall auch bis ins Songwriting hinein eine wichtige, biografische Wegmarke.

 

Hast Du das bei Bands aus anderen Kontexten auch schon anders erlebt?

Auf jeden Fall! Es gibt Bands, die tauchen so urplötzlich auf und man weiß, die Leute hatten vorher nie Musik gemacht. Was natürlich für mich nicht bedeutet, dass sie es nicht tun sollen. Aber man beobachtet dann manchmal mit einem Schmunzeln, was die auch schnell für Allüren entwickeln. Die denken gar nicht dran, was das andere für Anstrengungen kostet. Ich zitiere da immer gerne unserer lieben Basser Pogo McCartney, der hatte glaube ich so die intensivste Deutsch Punk-Geschichte in der Gruppe Messer: „Da merkste‘ direkt, die haben nie im „AZ Stinkedrüse“ gepennt!“

 

Gibt es denn trotzdem jemanden unter euch, der die dämlichsten Dinge auf den Tour-Rider setzt?

Pogo hatte mal irgendwann `ne Bier-Allergie und hat dann immer so rote Flecken im Gesicht bekommen und der hatte dann eine Zeit lang immer so gute Rotweine auf dem Rider stehen – Fair enough!

 

Welche Farbe hat Geld?

Grün. Der Gedanke an Geld ist halt auch popkulturell gefärbt und die Filme wo es am meisten um Geld geht, kommen wahrscheinlich aus Amerika. Ich bin so ein sehr visueller Mensch, d.h. für mich haben auch Zahlen immer Farben. Bei manchen Menschen ist das so. Das hängt glaube ich damit zusammen, ob du Links- oder Rechtshänder bist oder welche Hirnhälfte dominanter ist oder sowas. Ökologisch gesehen, ist Geld natürlich aber nicht sehr Grün!

 

Was macht Dein Spiegelbild, wenn Du gerade nicht hinschaust?

Es guckt an mir runter und schmunzelt. Es ist dabei nicht böswillig, aber denkt sich schon manchmal: „Ach, Hendrik, JUNGE….“ Ich und mein Spiegelbild sind uns da einig: Man darf sich selbst einfach nicht zu ernst nehmen.

 

Wenn es eine Film über die Gruppe Messer gäbe, wen von den anderen würdest Du spielen?

Sagen wir’s so: Es gibt bei allem Mitgliedern von Messer Gründe, warum ich gerne mal in deren Schuhen stecken würde. Es gibt aber auch bei allen Dinge, wo ich nicht mit denen tauschen möchte. Im Moment würde ich aber gerne mit unserem Perkussionisten Manu Chittka tauschen. Der hat einfach gerade so eine gute Zeit und wirkt immer so glücklich.

 

Warum wärest Du lieber in China geblieben?

Weil das Essen dort so gut war. Das „Dortsein“ hat mich auch sehr gereizt und bis heute inspiriert. Es spielt auch in vielen Sachen eine Rolle. Auch im Hinblick auf meinen Roman. Das hat so Motiv-Welten geschaffen, die jetzt überall für mich irgendeine Rolle spielen. Da wir aber in China ja mit dem Göthe Institut unterwegs waren, ist mein Eindruck natürlich sehr gefiltert. Wir hatten ja Übersetzer und alles. Nochmal zum Essen: Es gibt aber auch hier in Berlin in Steglitz ein Restaurant, was ich sehr empfehlen kann: Fulilai. Ich gehe nächstes Jahr wieder nach China. Ein enger Freund von mir, Majo, wohnt dort. Mit dem mache ich auch so musikalische Projekte. Der macht Noise unter dem Pseudonym „Raune“. Der ist häufig dort, spricht auch Chinesisch. 

 

Wieso darf man Messer scheiße finden?

Weil man alles scheiße finden darf.

 

Gibt es denn was, was Du scheiße findest?

Ja, ne Menge.