Wenn Punk, dann bitte Turbostaat. Die Flensburger Husum-Verdammer sind mittlerweile so etwas wie die Urväter einer neuen Bandgeneration. Alt fühlen müssen sie sich deswegen zwar nicht, allerdings ist ihnen ohne Weiteres zu attestieren, erheblichen Einfluss auf Erfolg und Werdegang von Marathonmann, Fjørt oder die Homies Frau Potz hatten. Unabsichtlich natürlich, aber diese Typen waren mir eh immer schon die liebsten. Wenn also Punk, dann bitte Turbostaat. Auf „Abalonia“ zeigen sie mal wieder, warum. Hier geht es nicht um die Demaskierung der ekelhaften Fratze Deutschland, hier geht es nicht um wild züngelnde Agitation, um Schlachtrufe mit Bierfahne und ohne Benimm. Hier geht es um das echte, wahre, graue Leben, das wir alle führen müssen. Um das Schicksal, das uns eint und in den Köpfen dennoch trennt. Es ist eine regelrechte Punkrock-Saga, die Turbostaat diesmal abgeliefert haben. Ernster und irgendwie auch politischer als sonst. Bitterer, bedrückender. Aber was bleibt einem auch groß übrig? Wenn Punk, dann bitte Turbostaat. Und mehr reflektierte und höfliche Gesprächspartner wie Gitarrist Roland Santos.

 

Eine Spaßband waren Turbostaat nie. Aber „Abalonia“ ist heftiger geworden, oder?

Nach meinem Empfinden machen wir das, was wir immer gemacht haben. Natürlich entwickeln wir uns weiter, schreiben auf andere Art und Weise Texte als wir das noch 1999 getan haben. Ernst waren wir immer, auch das klaustrophobische Gefühl war uns auch früher nicht fremd. Aber wir sind eben älter geworden.

 

Dunkler sind die Zeiten geworden, das merkt man „Abalonia“ schon an. Wie geht ihr damit um?

Indem wir weitermachen. Wir waren alle noch jung, als in Rostock-Lichtenhagen die Gebäude brannten und die Polizei zwei Tage lang nicht eingegriffen hat. Was gerade in diesem Land passiert, ist leider nicht neu, sondern ein wiederkehrendes Motiv. Selbst wenn es mal eine Zeitlang ruhiger wird, weiß ich doch, dass die Scheiße irgendwann wieder losbricht.

 

“So ist auch der Tod.”

 

Auf „Abalonia“ ist recht häufig vom Tod die Rede. Ist das ein Ausdruck dieser Ohnmacht, die man angesichts der Weltlage empfinden muss?

Marten schreibt in Bildern. Wenn er also was von Schnee erzählt, meint er nicht die weiße Scheiße, die vom Himmel kommt, sondern nutzt es als Metapher. So ist auch der Tod ein Bild, das er vielseitig benutzt, um etwas ganz Bestimmtes auszudrücken. Da ist der Tod natürlich ein starkes Bild…

 

… das in der Textzeile „alles ist besser als der Tod“ durchaus positiv aufgeladen ist.

Aber natürlich. Darum geht es ja, wenn ich meine, wir sollen weitermachen.

 

Im Infotext zur neuen Scheibe ist von einem Konzeptalbum die Rede. Ganz so wirkt es aber gar nicht.

Ist es auch gar nicht! Ein Konzeptalbum beginnt mit einem leeren Blatt Papier unter einer großen Überschrift. Diese Idee, dass Turbostaat diesmal ein Konzeptalbum gemacht haben, hat sich irgendwann verselbstständigt – wohl, weil uns aufgefallen ist, dass man die Songs in einem gewissen Kontext als Geschichte sehen kann. Aber das ist erst durch spätere Betrachtung entstanden und spielt eigentlich keine große Rolle.

 

“…ein Teil des Lebens.”

 

Die Geschichte, die ihr thematisiert, hat mit Flucht zu tun. Ist das nicht ein Eingeständnis des Scheiterns, wenn man dem eigenen Leben davonlaufen will?

Scheitern ist doch aber irgendwie auch ein Teil des Lebens. Schon als kleine Kinder fallen wir hin, um zu lernen, wieder aufzustehen. Letztlich ist das menschlich, würde ich sagen.

 

Was ist „Abalonia“ für dich? Was ist das für ein Ort?

Ein Idealbild, das mich von A nach B treibt. Ein Idealbild, was nicht erreicht werden kann, mich aber antreibt und vorwärts bewegt. Darum geht es ja aber letztlich: vorwärts bewegen ist immer gut.

 

Das sehen die Leute anders, die euch in den letzten Jahren immer wieder den Vorwurf gemacht haben, kein Punk mehr zu sein. Seit wann gibt es denn eigentlich Regeln und Definitionen für Punk?

Eben. Punk ist doch für jeden was anderes und wahrscheinlich hat jeder auch ein bisschen recht. Natürlich sehe ich uns immer noch als Deutschpunk-Band, andere wiederum nicht. Aber letztlich kenne ich das auch von mir. Früher rümpfte ich auch fleißig die Nase über den Kurs von At The Drive In. Die sah ich noch vor 20 Leuten in einem besetzten Haus in Bremen und plötzlich spielten sie diese großen Konzerte. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber mittlerweile, dass das schwierig ist. Wir spielten anfangs auch vor sechs Leuten, irgendwann waren es 60, dann auch mal 600. Wir merkten an uns selbst, dass wir immer noch dieselben waren, also war es okay. Es ist mir aber klar, dass das ein 15-Jähriger nicht so sieht.