Mit Bands ist das wie mit Mitmenschen. Es gibt welche mit und welche ohne Rückgrat. Während in der Musikindustrie wie auch in der Nachbarschaft die meisten Menschen eher wirbellosen Feiglingen ohne eigene Meinung gleichen, gibt es in beiden Lagern glücklicherweise auch Ausnahmen. Irie Révoltés sind eine solche, ganz besondere Ausnahme. Das Heidelberger Konglomerat steht für Vielfalt – musikalisch und global gesehen. Reggae, Ska, Hip-Hop, gar Punk werden verwendet, um ihre Botschaft in die kleingeistigen Köpfe der Menschen da draußen zu hämmern: Vielfalt statt Einfalt, Regenbogen statt schwarzweiß, fickt Homophobie, religiösen fanatismus Rassismus, die Medien und Ausbeuter dieser Welt. Ganz schön viel zu tun, packen wir schon mal die Gummis aus!

 

Was haltet ihr davon, wenn selbst deutsche Rapper – die Homophobie als Stilmittel ansehen – mittlerweile küssende Männer in ihrem Artwork verwenden?

Man sieht natürlich sehr gut daran, dass es eigentlich nur darum geht, etwas zu verkaufen und möglichst viel Geld zu verdienen. Das zeigt auch, dass die Rapper gar nicht so gut sind, wie sie meinen, denn sonst würden sie so etwas nicht brauchen. Geile Punchlines sind halt immer schwerer als „Ey, du Schwuchtel, ich fick deine Mutter“.

 

Wie seht ihr die Homophobie-Problematik in der Ragga und Dancehall-Szene?

Aus diesem Grund haben wir das Projekt „Make Some Noise“ gegründet. Es verfolgt die Idee, dass ein Umdenken in der Szene selbst geschehen muss. Hauptsächlich bei den Fans. Wenn die Druck auf die Künstler aufbauen, würde sich da verdammt schnell was ändern.

 

 

“…ob man sich schon unbewusst versklavt hat…”

 

Ihr habt euch selbst als radikal linkspolitisch beschrieben. Was bedeutet der Tag der Arbeit für euch?

Er macht klar, wie wichtig Gewerkschaften und Arbeitnehmer-Zusammenschlüsse sind, denn in vielen jungen Firmen verschwindet der ganze Arbeitnehmerschutz. Wichtig ist auch die Klarheit, wie man selbst arbeitet und ob man sich schon unbewusst versklavt hat, nur weil man sein Haus und Auto gesichert haben will.

 

Es gab auch schon wesentlich schwierigere Zeiten, in denen die Menschen mehr auf die Straße gegangen sind. Glaubst du, dass heute einfach das politische Bewusstsein fehlt?

Natürlich sind wir mittlerweile mehr in eine Spaß- und Unterhaltungsgesellschaft gerutscht, allerdings findet trotzdem eine Arbeitsmarktrevolution statt. Immer mehr Personen – auch Bekannte von mir – fangen an, die Zeit für sich als gut und wichtig anzusehen.

 

Oft finden Anliegen der linken Bewegung in der Öffentlichkeit erst Gehör, wenn die gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei bekannt werden. Inwiefern glaubt ihr, dass in der heutigen Zeit Gewalt ein probates Mittel darstellt, um seine Ziele durchzusetzen?

Ich finde Gewalt immer dann problematisch, wenn sie gegen Menschenleben geht. Aber sagen wir mal Gewalt gegen Dinge – sei es auf Frust, oder einfach aus dem Grund, dass man sonst kein Gehör findet – finde ich, kann in gewissen Situationen legitim sein. Es sieht natürlich immer so aus, als würden nur Demonstranten Aggression verbreiten, aber das Hauptproblem hierbei ist die oftmals einseitige Berichterstattung der Medien.

 

 

Allein die Waffen des IS…

 

 

Ist unser jetziges System deiner Meinung nach nur durch die verfälschte Berichterstattung der Medien bestandsfähig?

Ja klar. Die haben halt einfach nur Bock auf Schlagzeilen und Sensationen. Richtiger Journalismus ist deswegen leider kaum noch vorhanden und wenn, dann nur noch in Underground-Medien.

 

Bei vielen der aktuellen Debatten geht es um die Flüchtlingspolitik der EU und Deutschlands. Wie weit darf die Einmischung in Ursprungsländer der Flüchtlingsströme gehen und sind die großen EU-Staaten nicht möglicherweise die wahren Ursprünge?

Schlussendlich ist es so, dass gerade Deutschland einer der Hauptgründe für die großen Flüchtlingsströme aus Afrika ist. Durch die ausbeuterischen Tätigkeiten, aber vor allem (und das wissen die wenigsten) durch die massiven Zollregulierungen werden diesen Ländern die kompletten Grundlagen zunichte gemacht. Selbst wenn solche Länder versuchen, sich selbst aufzubauen, wird militärisch irgendeine Rebellengruppe unterstützt, um subtil – das lässt sich natürlich schwer beweisen – die Instabilität zu wahren. 

 

 

Also meinst du, dass solche Forderungen  scheinheilig sind?

Definitiv. Es wird immer nur gesagt, dass zu viele Flüchtlinge kommen, aber die Gründe dafür werden nie hinterfragt. Wer hat denn Bock, seine ganze Familie und sein Leben auf‘s Spiel zu setzen, einfach nur um nach Europa zu kommen – ohne zu wissen, ob man überhaupt jemals ankommt. Eigentlich scheißen die doch auf Europa. Die haben keinen Bock, sich auf so ein verrottetes Boot zu setzen und dafür auch noch ihr ganzes Erspartes aufzubringen – sie haben nur keine andere Wahl.

 

 

 

“…der Grund für unsere Existenz…”

 

 

Wie schätzt du die Gefahr ein, die aus dem Missbrauch von religiösen Werten und Schriften für Verbrechen wie die des IS hervorgeht?

Große Weltreligionen verleiten dazu, dass Verrückte deren Werte für ihre Zwecke und als Machtmittel missbrauchen. Das war schon immer so und ist nicht nur ein Problem des Islam – man muss nur mal überlegen, was das Christentum schon alles vernichtet hat. Generell sind bei Organisationen wie dem IS aber so viele Interessen vertreten, dass man das gar nicht auf Religion beschränken kann. Allein die Waffen des IS – da wird schon wieder bewusst eine Instabilität geschürt, weil in der Region zu viel Öl vorhanden ist.

 

Die Reggae-Szene scheint momentan eingeschlafen zu sein: Glaubst du, die große Masse versteht die Botschaft gar nicht und feiert eher die Sounds?

Sowohl als auch. Gerade wegen unserer Aussage haben wir natürlich viele Zuhörer, aber natürlich auch einfach Leute, die die Energie abfeiern. Ich wage zu behaupten, dass es nicht viele Bands gibt, die wirklich zwei Stunden so auf die Fresse hauen wie wir. Wir nehmen die Leute einfach so mit, dass niemand ohne nasses T-Shirt nach Hause geht.

 

Weshalb sind euch die direkten Vibes eurer Fans als Kritik eurer Musik lieber, als die fachidiotischen Worte einschlägiger Musik-Blogs?

Ich finde beides interessant, aber ich muss gestehen, dass uns das Feedback der Fans wichtiger ist, weil sie der Grund für unsere Existenz sind und uns aufgebaut haben. Die Presse hat uns lange ignoriert, obwohl wir schon lange fette Konzerte auf Festivals gespielt haben. Irgendwann kam die Presse um uns nicht mehr herum, aber unsere Fans sind unsere wichtigsten Supporter. Nur aufgrund dieses von Anfang an bestehenden Feedbacks haben wir weitergemacht.