[dropcap size=big]A[/dropcap]ngst … die ganze Stadt riecht danach.“ Na, wer hat’s gesagt? Dieser von Tumoren und Geschwüren entstellte Ork-Heerführer natürlich, bevor er vor den Toren von Minas Tirith die Köpfe der getöteten Soldaten mit Katapulten über die Stadtmauer schleudert. Klasse Typ auf jeden Fall. Wird zwar irgendwann eher beiläufig getötet, hat aber eine ganz zentrale Sache erkannt: Der Mensch hat Angst. Viel Angst. Heute sind dafür allerdings nicht mehr Wölfe im nahen Wald, vergiftetes Trinkwasser („die Juden waren’s!!“) oder die Pest verantwortlich. Nein, heute haben wir vor allem Angst vor uns selbst. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Homo homini lupus. Das wusste schon Plautus, dieser schmierige Schlaumeier, und das weiß auch ein Obama, wenn er mal wieder Schiss vor Putin oder den wirklich Mächtigen in Amerika hat. Das weiß auch Ronny, 34, arbeitslos, enthusiastischer Pegida-Demonstrant. Irgendjemand muss ja dran schuld sein, dass er keinen Job findet und Mandy ihn verlassen hat. ISIS, Rente, verbrannter Toast. Wir haben Angst, Angst, Angst und werden fast wahnsinnig dadurch. Was tun? Haben sich auch die Metalcore-Trendsetter von Callejon gefragt und ihrem neuen Album den geilen Titel „Wir sind Angst“ verpasst. Das hat zwar neben vielen vielen Höhepunkten auch einige Tiefpunkte, holt aber tief Luft und brüllt mal alles heraus, was derzeit so schief läuft bei uns. Schön, dass nicht jeder wegsieht und den Finger auch mal genüsslich in die eiternde Wunde legt, die sich über Deutschland gelegt hat. Gitarrist Bernhard Horn im IgittBaby-Plausch über den verdammt noch mal abgefuckten Stand der Dinge.

 

Bernie, wer ist Euer Arschloch des Jahres?

„Keine Ahnung, die Liste wäre zu lang.“

 

Was war die größte Enttäuschung des Jahres?

„Bei einer globalen Bestandsaufnahme wäre ‘Enttäuschung’ wohl eher ein zu schwaches Wort.“

 

Wie soll man angesichts von Pegida in diesem Land überhaupt optimistisch ins Jahr 2015 blicken?

„Wir haben uns trotz allem ein Stück Optimismus bewahrt – ohne etwas Zuversicht geht es ja auch nicht weiter. Abgesehen davon werden die Gegenstimmen zu dem populistisch-hetzerischen Pegida-Blödsinn ja auch immer lauter. Die Gegendemos sind in fast allen Fällen stärker besucht als die Pegida-Kundgebungen. Trotzdem: Die Mobilisierung so vieler Menschen gegen eine angebliche ‘Überfremdung’ lässt uns schon an einer grundsätzlichen Vernunftbegabung zweifeln.“

 

„Wir sind Angst“ trägt die Stimmung in Deutschland in seinem Titel. Angst vor Einwanderern, Angst vor Islamisierung, Angst vor Russland, Angst vor allem und jedem. Woher kommt denn all die Angst?

„Ich glaube, dass diese Angst zu einem Großteil in der Wirkmacht von sozialem Status und einem allgemeinen Leistungs- und Konformitätsdruck begründet liegt. Man hat immer stärkere Angst, bestimmten Anforderungen und Profilen nicht zu entsprechen. Eine zunehmend konsumorientierte Gesellschaft produziert auch kulturelle Besitzansprüche, und gerade in Krisenzeiten finden dann populistische Positionen Anklang. Aber auf komplexe Zusammenhänge gibt es nun mal keine einfachen Antworten, und kulturelle Identität ist in ständigem Wandel.“

 

Angst muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Sie macht uns vorsichtig, hat in der Geschichte oft zum Überleben beigetragen. Aber wo ist da die Grenze, hinter der Angst schädlich wird?

„Nein, Angst ist eine Grundempfindung und hat viele sinnvolle Funktionen. Aber wenn Angst zu einem gesellschaftlichen Strukturmerkmal wird, ist die Grenze erreicht – wenn wir unsere Angst nicht überwinden, sondern uns von ihr beherrschen lassen.“

 

 

“Eigene Ängste und Vorurteile zu überwinden ist eine Aufgabe, der sich jeder alleine stellen muss.”

 

 

Zwischen all der Angst machen es sich dann Typen Xavier Naidoo gemütlich und sorgen mit polemischer Hetze und ihrer unverständlichen Berühmtheit dafür, dass der durchschnittliche Wenigdenker eifrig Parolen nachlabert ohne zu reflektieren. Wie kann man dieser Situation Herr werden?

„Es ist wichtig, zu zeigen, dass es auch anders geht. Eigene Ängste und Vorurteile zu überwinden ist eine Aufgabe, der sich jeder alleine stellen muss. Aber vielleicht kann man Leute in einem ersten Schritt aus dieser ich-bezogenen Lethargie herausholen, indem man Alternativen aufzeigt, Denkanstöße gibt. Das Hauptproblem liegt doch darin, dass wir viel zu bequem geworden sind, um uns mit komplexen Problematiken überhaupt zu befassen. Man will nichts davon hören, nicht drüber nachdenken.“

 

Glaubt Ihr als Band daran, mit euren Aussagen etwas zu verändern? Oder geht es euch nur darum, gewisse Dinge auszusprechen – ganz gleich, ob sich was tut oder nicht?

„Für uns selbst ist es erst mal wichtig, diese Sachen auszusprechen, alleine aus einem emotionalen Reflex heraus. Wir nehmen uns natürlich nicht aus, wenn wir Probleme ansprechen, und diese Dinge in unserer Musik zu kanalisieren hat für uns auch eine kathartische Wirkung. Und es ist vollkommen klar, dass wir durch ein Album keinen grundlegenden Wandel im sozialen Bewusstsein bewirken können. Aber je mehr Leute sich kritisch mit diesen Themen auseinandersetzen, anstatt die Nachrichten wie einen Spielfilm zu rezipieren, umso eher kann ein Umdenken erfolgen.“

 

Würdet ihr auch andere Maßnahmen ergreifen, um eure Überzeugungen verbreiten? Dafür auf die Straße gehen, beispielsweise?

„Ich glaube, dass es schon wichtig ist, dass viele Leute beispielsweise zu den Pegida-Gegendemos gehen, einfach um ein Zeichen zu setzen, dass dieser ignorante nationalkonservative Bullshit bei weitem kein gesellschaftlicher Konsens ist. Aber die wichtigen Veränderungen passieren in den Köpfen der Menschen, und wenn man bis dahin vordringen kann, ist das schon ein gewaltiger Schritt.“

 

 

“Saufen, ficken, Drogen…Wenn das Punk ist, sind wir das Gegenteil.”

 

 

Nach dem Cover-Album „Man spricht deutsch“ schlagt ihr mit der neuen Platte in die völlig entgegengesetzte Richtung, gebt euch düster, brachial und pessimistisch. Ist jetzt keine Zeit für Heiterkeit?

„Zumindest nicht bei diesem Album. Man kann nicht immer alles schönreden. Aber wir sind weder verbittert noch pessimistisch. Eigentlich ist ‘Wir sind Angst’ vor allem eine Suche nach Hoffnung.“

 

Euer Ethos war dennoch noch nie mehr Punk als auf dieser Platte.

„Puh, ich weiß nicht … kommt drauf an, was man unter Punk versteht. „Saufen, ficken, Drogen, alles scheißegal, ich will nur meinen Spaß“ – wenn das Punk ist, sind wir das Gegenteil. Aber wenn man darunter versteht, angepisst zu sein von einer konformistisch-konsumgeilen Ich-Gesellschaft, dann sind wir megapunk.“

 

Pegida, ISIS, Russland, Massentierhaltung, Öko-Skandale … was hat die wuterfüllten Themen des neuen Albums am ehesten befeuert?

„Vor allem die ignorante Teilnahmslosigkeit diesen Themen gegenüber. Die 68er-Bewegung hatte eine gesamtgesellschaftliche Relevanz. Was hat unsere Generation?“

 

Als Band hat man nicht unter Kontrolle, wer einen hört und wer nicht. Wurmt es Euch manchmal, dass sich vielleicht Menschen darunter befinden, gegen die Ihr mit eurer Musik eigentlich zu Felde zieht?

„Ich glaube nicht, dass das auf furchtbar viele Leute zutrifft. Andererseits waren einige Reaktionen bei einem Anti-Pegida-Post schon ziemlich krass und haben uns auch sehr überrascht. Ein paar Leute haben geschrieben, sie würden uns jetzt nicht mehr hören, weil wir uns der links-faschistischen Propaganda und der Lügenpresse ergeben hätten. Ich bin froh, dass sie uns nicht mehr hören.“

 

Was muss sich ändern, damit 2015 besser wird?

„Wir brauchen mehr Empathie und weniger Egoismus. Eigentlich ganz einfach. Aber anscheinend auch das schwierigste auf der Welt.“

 

Also, auf gehts…