Ich mag Pathos. Aufs Brot, unter die Arme, in die Haare, völlig egal. Pathos kann aber nicht jeder. Oder sagen wir es so: Pathos kann fast niemand, also klingt er bei den meisten Bands nach billigstem Kitsch. Bei TÜSN nicht. Bei TÜSN klingt aber eh alles anders als bei anderen. Drei Menschen, keine Gitarre. Und eine Stimme. Eine verdammt geile Stimme. Sänger Snöt heißt zwar seltsam, schafft es aber, Theatralik, Grandeur und Pomp in seinen Gesang zu legen, der das Debüt „Schuld“ zu einer der spannendsten Sachen macht, die dem Musikjahr 2016 passieren werden. Pop, Wave, Indie, Drama, Hedonismus und Untergang, Exzess und Selbstreflexion. Muss man gehört haben.

 

Was muss man über euch wissen? Und was vielleicht besser nicht?

Wahrscheinlich gibt es bei jedem Menschen dieser Welt Dinge, die man besser nicht wissen sollte. Wir möchten jedoch nichts geheim halten, wir wollen uns nicht verstecken. Alles, was man zunächst mal über uns wissen muss, ist, dass wir Musik machen. Und wer sich näher damit auseinandersetzt, wird mit Sicherheit auch mehr erfahren. Bei allem geheimnisvollen Auftreten und all der Interpretationsfläche, die wir bieten, verschließen wir uns nicht.

 

Wieso haltet ihr euch dann so bedeckt? Der findige Internetznutzer stößt kaum auf verlässliche Informationen.

Das ist aus einem Gefühl heraus entstanden, das mir persönlich sehr am Herzen liegt. Heutzutage ist alles, was man popkulturell vorgesetzt bekommt, bereits in leicht verdauliche Häppchen geschnitten. Alles erklärt sich von selbst, man muss sich gar nicht mehr selbst darum kümmern und nur noch entscheiden, ob man das jetzt doof oder gut findet. Damit hat es sich eigentlich auch schon. Dem möchte ich mich bewusst entziehen. Indem ich eben nicht alles vorkaue und so präsentiere, wie ich es sehe. Ich möchte den Hörern die Fläche bieten, ihre eigenen Gedanken in die Kunst, die sie erleben, hineinzuprojizieren. Das ist für mich eine viel tiefgründigere Form der Kommunikation als die, die heute in den sozialen Netzwerken stattfindet. TÜSN soll ein Gegenpol dazu sein. Nicht aus Boshaftigkeit oder Unwissenheit, sondern als Zugeständnis an die Leute, die sich noch selbst eine Meinung bilden wollen.

 

„Unsere Zurückhaltung…“

 

Hat es dich überrascht, dass das so verdammt gut funktioniert?

Das war tatsächlich völlig überraschend. Unsere Zurückhaltung lag auch daran, dass wir uns neu gegründet und eigentlich noch gar nichts zu sagen hatten. Dass daraus dennoch etwas entstanden ist und TÜSN urplötzlich so interessant wurden, brachte uns auf ganz natürliche Weise auf den Weg, das so durchzuziehen. Das Geheimnis scheint eben doch interessant zu sein.

 

War es euch nie wichtig, vorab so viel Feedback wie möglich einzuholen? Insbesondere als Newcomer brennt man doch darauf, was die anderen denken.

Das war kein Thema für uns. Es ging uns nur darum, das zu machen, was aus uns herauskommt. Wir wollten uns von diesem Feedback sogar komplett abkoppeln, um etwas auch für uns völlig Neues zu kreieren. Wir wollten sicherstellen, dass es etwas ist, das wirklich nur aus uns heraus kommt und nicht durch den Einfluss Dritter bewusst oder unterbewusst geprägt und verändert wurde. Sobald man jemandem etwas zeigt, verändert sich automatisch die Perspektive auf die eigene Kunst.

 

Was hat das mit euch gemacht?

Wir entdeckten neue Dinge und erfanden uns neu – oder vielleicht haben wir uns auch erst in dem Moment wirklich gefunden, in dem wir aufgehört haben, Vorbildern hinterherzulaufen und Feedback einzufordern.

 

 

„…große Musik“

 

Verrate uns: Wie erobert man mit Synthesizern und Gesang die Popwelt von 2016?

Wir haben Großes vor, weil wir glauben, dass wir große Musik machen. Wir wissen, dass dazu viel Glück gehört, doch wir glauben daran, dass sich für uns alles fügen wird.

 

„Schuld“ ist ziemlich clever, weil es viele Zugeständnisse macht, aber keiner Szene den endgültigen Zuschlag erteilt. Seid ihr da als Menschen genauso?

Ja. Das hat damit zu tun, dass wir als Musiker nicht erst seit gestern dabei sind und schon lange nicht mehr versuchen, Musik zu machen, weil wir Fan von etwas sind. Natürlich sind wir beeinflusst von den Dingen, die wir gehört haben oder hören, bereiten unseren Sound aber völlig allein zu. Wir wollen kein Genre bedienen, gehen gewissen Mustern bewusst aus dem Weg.

 

 

„…den Pathos“

 

Ein vereinendes Element in den Stücken ist Pathos. Viel Pathos. Bedeutet das, dass ihr in eine andere Rolle schlüpfen müsst oder kommt das eurem Naturell sehr nah?

Das hat zwei Dimensionen. Ich war früher eigentlich immer Gitarrist und schlüpfe bei TÜSN jetzt erstmals in die Rolle des Sängers. Die Gitarre ist komplett weg, dafür spiele ich Synthies. Bei TÜSN habe ich meine Stimme entdeckt – und mit der Entdeckung, was man mit der Stimme als Instrument alles machen kann, entdeckte ich auch den Pathos.

 

Welche „Schuld“ gibt eurem Debüt eigentlich ihren Namen?

Schuld ist für mich ein universeller und zentraler Begriff, dem sich niemand entziehen kann. Ich fliege um die halbe Welt, um mich weiterzubilden, zerstöre mit dem Kerosinausstoß aber unsere Atmosphäre. Ich kaufe Lebensmittel, weil ich leben muss, aber die sind in Plastik verpackt. Ich trage Kleidung, die vielleicht unter Produktionsumständen hergestellt wurde, die man eigentlich niemandem wünschen würde. Es steht so viel dahinter, das man alles gar nicht überblicken kann. Der Schuldbegriff wird für mich dafür zum Schlüssel, um die Welt hinter den Dingen aufzuzeigen. Selbst, wenn man es nicht ändern kann, muss man sich bewusst sein, was dahinter passiert.