Irie Révoltés- Irie Révoltés-Review

An alle „Böhse Opelz“-Aufkleberbesitzer und „Ich bin doch nur Patriot“-Fahnenschwenker – ihr seid der wahre Grund, warum Deutschland sich abschafft und Arschlöcher wie Thilo Sarrazin und Lutz Bachmann überhaupt Gehör finden, anstatt wie viele andere – meist wesentlich harmlosere – geistig Verwirrte sabbernd und brabbelnd in einem Heim zu landen.  Fröhlich marschiert ihr, dem Gemeinschaftsgefühl frönend, für ein besseres Deutschland, frei nach dem Motto „so was hätte es damals nicht gegeben!“ und skandiert gegen die bösen arbeitsplatzraubenden Ausländer. Dass jemand, der kaum unsere Sprache spricht und erst seit kurzer Zeit in „eurem“ Land lebt, euch nur den Arbeitsplatz vor der Nase wegmopsen kann, weil ihr einfach dumm wie Scheiße seid, daran habt ihr in eurer himmelschreienden Beschränktheit allerdings nicht gedacht. Aus diesem Grund haben sich Irie Révoltés mal wieder ins Studio begeben und in mühevoller Kleinstarbeit  – die ihr Maden eigentlich nicht wert seid – einen Mittelfinger goliathschen Ausmaßes in 14 Akten auf CD gepresst.

 

Irie Révoltés, der Name ist Programm und so heißt auch der neue Langspieler der Heidelberger Jungs. Irie, das steht für den einmaligen Sound der Band, die pumpenden Bässe, die treibenden Bläser – kurzum für den Sound der Revolte. Der erste Track „Ruhe vor dem Sturm“ verspricht schon vom Titel her viel und hält leider wenig. Der bislang bekannte und kraftvolle Sound der Bläser und Instrumentals nimmt sich oft stark zurück und weicht elektronischen Beats und Synthie-Klängen. Gerade in Berlin ein probates Mittel und weit verbreitet, wirkt es bei den Revoluzzern eher unrund und es entsteht sofort eine filmische Sequenz in meinem Kopf, die Bob Marley zeigt, wie er im dunkelsten Darkroom des Berghains versucht, sich auf deepes Techno-Gewummer einzugrooven. Sieht komisch aus, klingt auch so.

Faschismus Gif
Bei Faschismus hört der Spaß auf, Freundchen!

Herr Lehrer, darf ich kurz auf Toilette? Mir ist ganz schwindelig!

Tracks wie „Jamais“ und „Squatte“ erzeugen dann aber sofort den Drang, mit dem Kopf zu nicken und versprühen durchaus Sommer-Hit-Potenzial. Sofort findet sich mein imaginärer Bob Marley auf dem Bacardi-Schiff wieder und ist heftig am abshaken mit den Salsa-Mäusen, nur um später vielleicht noch weitere 13 Kinder zu zeugen. Ob diese Assoziation im Sinne der Erfinder ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ich fröhlich nickend den Beats lausche, während ganze Landschaften voller böhmischer Dörfer und Bahnhöfe an meinem inneren Auge vorüberziehen, sobald der oftmals französische Sprechgesang einsetzt. Wissend nickend und doch dümmlich grinsend stehe ich da und verhalte mich wie das Chamäleon im Französischunterricht – nichts anmerken lassen. Bloß nicht auffallen.

Einen entscheidenden Vorteil hat das Ganze jedoch: Auf Französisch klingt einfach alles charmant und selbst „Tod allen Nazischweinen und verbrennt die Kapitalisten-Faschos“ mutet an wie „isch möschte disch auf einen exquisiten Chardonnay einladen“. Leider reichen Otto-Normalheidelberger-Kenntnisse in der zweiten Fremdsprache nicht aus, um die sicherlich wertvollen Botschaften der französischen Parts zu verstehen und so fühlen sich diese, vom Rhythmus und der Stimmung her konsistenteren, Abschnitte irgendwie an wie die Gespräche mit dem liebenswerten Austauschschüler aus Paris. Ich verstehe zwar wenig bis gar nichts, aber es klingt einfach so schön.

Hitler ist sauer
Wie ich diese Musik finde?

Und jetzt die Hände zum Himmel, komm, lasst uns revolutionär sein!

Den Drang sich zu bewegen und Teil einer springenden Masse zu sein erzeugen die Tracks auch auf „Irie Révoltés“, allerdings klingen eventuelle Bretter wie „Danse“  für einen Französisch-Legastheniker, als hätte man dem Ballermann einen Hauch Esprit und Klasse eingehaucht – aber Ballermann bleibt eben Ballermann. Danse heißt doch Tanz, oder? Na gut, wenn die das unbedingt wollen! Sieht ja auch besonders adrett aus mit einem „Nix verstehe“-Gesichtsausdruck.

 

„Freiheit und zwar jetzt / Ich wag den Ausbruch, drück Reset“

 

Auch solche Hooks klingen eher wie das Mantra eines Bankiers-Sohns, der sich ganz klammheimlich eine Happy-Zigarette anzündet, während Bob Marley und Ché in Papierform von der Wand auf ihn herabblicken. Der Eindruck bestätigt sich, dass die französischen Parts des Albums wesentlich mehr Energie und Stimmung erzeugen. Die deutschen Tracks hingegen kommen daher wie ein deutscher Tourist in Sandalen und Tennissocken, der am Pool seines Hotels zusehen muss, wie der französische Animateur ihm die Show und seine Frau stiehlt.

 

Letztlich muss ich sagen, dass es sich mit der neuen Platte wie damals mit dem Cahier d’activité im Unterricht verhält – die Bilder von Arthur le perroquet sind schön anzuschauen, aber dieses lästige Schreiben. An die Energie und Stimmung von Brechern wie „Antifaschist“ und „Mouvement Mondiale“ kann das neue Werk zu keiner Zeit anknüpfen. Bonuspunkte für den massiven Mittelfinger an Kapitalismus, braunen Sumpf und Pegida-Wutbürger gibt es allemal – und ich schnappe mit jetzt ein Wörterbuch und lerne wieder Französisch!