Röyksopp - The Inevitable End

[dropcap size=big]I[/dropcap]nkonsequenz ist die kleine Schwester des Versagers. Entweder man macht etwas richtig. Oder man lässt es eben. Röyksopp sind sich damit selbst in die Falle gegangen. Da wollte das norwegische Elektro-Pop-Duo endlich mal alles richtig machen und hat schon im Vorfeld verlauten lassen, dass „The Inevitable End“ das Ende ist, der letzte Vorhang, der Schwanengesang, das Grande Finale, das Requiem (liebe Feuilleton-Schreiber ohne Freunde und Musikwissen, sucht Euch doch gern eine passende Beschreibung für Euren hochgradig vergeistigten Besserwisserschmutz raus, den ihr dann wieder überall ungefragt stehenlasst). Und liefert doch ein Album ab, das dem Ruf des Projekts bei Weitem nicht gerecht wird. Das eben alles andere als der Paukenschlag im letzten Akt, der krönende Abschluss einer durchaus eindrucksvollen Karriere ist. Tja, scheiße, was ist denn da passiert? Das Baby geht auf Ursachenforschung.

Frage: Hat Breivik an allem schuld?

Röyksopp treten also ab. Das war in den letzten Wochen nicht zu überlesen, -hören oder -sehen. Klar, das würde bei einem nicht gerade kryptischen und einfallsreichen Titel wie diesem vielleicht sogar ohne das ganze Brimborium im Vorfeld durchdringen, aber auch in Norwegen geht man lieber auf Nummer sicher. Ist seit Breivik eben alles ein wenig anders geworden in einem Land, das sich vorher so unglaublich sicher und wohlbehütet fühlte. Nee, da sagen auch Röyksopp lieber einmal zu viel als zu wenig, dass das das Ende ist. Um auch ja nicht den vorprogrammierten Hype zu unterminieren, über den sie sich derzeit so freuen. Und irgendwie ist es ja auch verdammt schade, dass diese Band mit The Inevitable End abtritt. In echt. Ich bin nämlich nicht der einzige, der „What Else Is There“ (das krass intensive Duett mit Fever Ray) ganz arg fürchterlich toll fand und auch ein Stück wie „The Girl And The Robot“ mehr als nur ein bisschen abgefeiert hat. Diese Art von nächtlichem Elektro mit sphärischem Gesang, schwerelosen Flächen und trockenen Beats konnte schon was.

Polizei Gif
Alle Norweger hören auf mein Kommando!

Hinters Steuer, die Drogen wirken schon!

Ansatzweise blitzt das auch auf The Inevitable End auf. In „Momument“ zum Beispiel. Ein wenig Digitalism, Daft Punk oder Nightcall gibt es da in diesem im besten Sinne flirrenden Nocturne, in diesem verheißungsvoll düsteren Stück elektronischer Musik. Rein ins Auto, die Drogen wirken schon, und ab durch die nächtliche Großstadt. Aber so wie man das immer aus Filmen kennt, ist das in der Realität ja meist nicht. Polizei, Stau, rote Ampeln und so. Deshalb kommt man dann eben doch wieder runter, man weiß das ja eigentlich, doch es trifft einen immer wieder so heftig wie die morgendliche Gewissheit, eine verdammt wichtigen Termin verschlafen zu haben. Musikalisch manifestiert sich diese unsanfte Landung in den gähnend langweiligen Beats, dem Geklimper und den ekelhaften Autotune-Effekten von „Sordid Affair“. Das scheint Röyksopp aus irgendeinem Grund essentiell zu erscheinen. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn sie nicht mehr an das Albumformat glauben, wie sie so oft betont haben. Da müssen eben einfach zu viele starke Songs hintereinander gepackt werden. Und das tun die Norwegerpulliboys diesmal nicht. Ausgerechnet diesmal geht ihnen irgendwo auf halber Strecke die Puste aus.

Gangnam Style

„Wie hätte sie ihre Musik denn gern?“ – „Oh, bitte halbgar!“

Das rettet auch Jamie von den Impressibles nicht immer, der gleich für vier Songs von Amerika nach Bergen fliegen musste. Es scheint, dass man diesmal eher auf Effizienz setzt und einen Gastsänger nicht nur für eine Nummer aus Amerika einfliegen lässt. Ist dennoch eine gute Idee gewesen: Sein dolles Stimmchen bewahrt „You Know I Have To Go“ vor der Katastrophe. Der Track besteht aus zwei endlos gezogenen Tönen, der eine flirrend, der andere brummend. Das ist was für die einminütige Zeitlupenabschiedssequenz in einem kontemporären englischen Drama, aber nichts für siebeneinhalb Minuten Spieldauer. Dann plötzlich stehen die kantigen Beats, die tropfenden Sequenzen, der Hardfloor-Takt und Susanne Sundførs feiner Gesang bei „Save Me“ im Raum. Die sind einfach ohne zu klopfen reinmarschiert und haben berauschenden Nachschub dabei. Na also, die dräuende, dunkle Elektro-Party kann ja doch weitergehen. Hoch lassen sie den Refrain aufwallen, das passt aber trotz allem Pathos, das sorgt für musikalische Schwerelosigkeit. Hypnotische Momente, elektronischer Schwerkraftverlust, darin sind Röyksopp immer schon echte Meister gewesen. B

Bei „Rong“ darf Robyn deshalb ungefähr zweihundert mal „What The Fuck Is Wrong With You“ säuseln. Warum sie das tut, weiß niemand so genau, zu den blubbernden, hypnotisierenden Synthiemelodien und den elegischen Streichern passt das eigentlich gar nicht so wirklich. Funktionieren tut es irgendwie dennoch. Und das zeigt die Größe von Röyksopp: Sie schaffen es, mit wenigen Mitteln eine unerklärliche Stimmung zu erzeugen. Die Frage ist nur: Wieso machen sie das dann dieses eine Mal, auf ihrem finalen Werk, nicht einfach durchgehend?

PS: Zu gut, um sie gehen zu lassen, aber zu schwach um sie hierzubehalten. Scheiß Inkonsequenz eben!