[dropcap size=small]B[/dropcap]ringt ja alles nix mehr. Wir müssen reden. Rock’n’Roll, setz dich, du und ich haben ein ernsthaftes Problem. Weißt du, früher warst du cool, verboten, gefährlich, hast du zu Problemen, Trennungen, unehelichen Kindern, Abhängigkeiten, Verletzungen und ziemlich originellen Todesfällen geführt. Heute bist du langweilig geworden, dein Arsch ist fett, deine Haut runzelig und deine Tränensäcke einfach nur ekelhaft. Wie war das? Du kannst nichts dafür, dass dir alle großen Rockstars unterm Hintern wegfaulen? Dass sie entweder längst tot, lebende Tote oder asketische Hippies sind? Drauf geschissen. Irgendjemand muss ja Schuld sein an diesem Trauerspiel, das du uns heute noch unter deinem Namen verkaufen willst.

Slash-World-On-Fire-Kritik

Schau dir doch nur mal diesen Slash an. Hey, ich mochte ihn nie so besonders, fand schon vor 20 Jahren Axl Rose cooler als ihn. Dennoch konnte man ihm eine gewisse Coolness nicht absprechen. Die Locken, der Zylinder, die Sonnenbrille, die Kippe lässig im Mundwinkel. Das waren die Neunziger, als Hard Rock noch was zählte und sogar Männer mit Stirnbändern Frauen flachlegten. In Interviews betont Slash heute gerne, dass er froh ist, dass diese Zeiten vorbei sind. Und geht ernsthaft davon aus, dass ich ihm diese Scheiße glaube, während er sich einen Nikotinkaugummi zwischen die Lefzen schiebt. Einen Nikotinkaugummi!

 

Nicht mehr als eine Wichsvorlage?

Tja, und dann diese Sache mit seiner Solokarriere. Klar, verstehe ich ja. Als Gitarrist von Guns N’Roses war er über zehn Jahre lang ein integraler Teil einer der größen Rock-Bands unserer Zeit, konnte sich alles erlauben, pfiff sich alles rein und legte sich vor allem gern mit Weirdo Axl Rose an. Dass er danach unbedingt sein musikalisches Vermächtnis torpedieren musste, erschließt sich mir einfach nicht. Er ist ein Wahnsinnsgitarrist, darum geht es ja gar nicht. Es ist vielmehr nur so, dass keines seiner bisherigen Solowerke auch nur ansatzweise an seine Zeit mit Axl anknüpfen konnte. Da half es auch nicht, neben Michael Jackson auf der Bühne rumzuhampeln, ein paar unwürdige Soli zu einer von Rihannas Video-Wichsvorlagen beizusteuern oder von Puff Daddy zu einem Besuch in dessen Vornamen eingeladen zu werden.

Slash’s Snakepit bließ eine ziemlich blasse Nummer, Velvet Revolver war zwar eine lässige Band mit wirklich guten Songs, aber eben eher eine Art Guns N’Roses ohne Axl und nicht sein eigenes Projekt. Seit 2010 versucht er es deswegen mal wieder ganz allein. Zunächst, auf „Slash“, mit mehr Gastsängern als auf jede Print-Anzeige passen und einem dementsprechend schalen Beigeschmack, auf „Apocalyptic Love“ genau so rockend, wie man sich einen cleanen Endvierziger eben so vorstellt. Hübsch, nett, technisch einwandfrei, aber so zahnlos wie ein Crystal-Meth-Connaisseur.
Trotzdem bringt er jetzt noch ein Album raus. Braucht man das? Nein, natürlich nicht. Wird es seinem Titel gerecht? Nein, natürlich nicht. Vielmehr ist es beinahe erschreckend, wie altbacken und uninspiriert sich Slash mit seiner Band The Conspirators durch die Stücke unkt. Klar, Hard Rock wird vom Rest der Welt gern als antiquierte Musik für schmerbäuchige Alleinstehende mit Halbglatze, unstillbarem Bierdurst und hässlichen Flecken auf ihrer Lederkutte angesehen. Und während das zweifellos zutrifft, ist es eben doch nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind Feuer, Biss, Innovation und Kampfgeist – Attribute also, die Slash mit seinen Zigaretten eingetauscht hat.

 

Suchtmittelchen, anyone!?

Einsingen ließ der Zylinderpapst die Platte von Myles Kennedy. Der ist von Alter Bridge, kann das natürlich, trifft aber auf „World on Fire“ tatsächlich nur jene Tonlagen, die zu dem uninspirierten Altherrengedudel passen, das uns Slash als Meisterwerk unterjubeln will. Und dann hat das Ding hier noch 17 Songs, bringt es auf grenzwertige 77 Minuten und 23 Sekunden. In der Zeit könnte man nach London fliegen und Slash mal wieder ein paar anständige Suchtmittelchen vorbeibringen. Oder ihn mit einem Fehdehandschuh ohrfeigen. Denn obwohl sein Gitarrenspiel tadellos ist, die Songs handwerklich solide sind und aufgrund der schieren Fülle an Material mit „Stone Blind“ sogar eine richtig gute Nummer dabei ist, bleibt unterm Strich nicht genug übrig, um zufrieden zu sein.
Ob Slash das ist? Gute Frage, immerhin gibt es auch auf „World on Fire“ ein paar Songs, die manchmal nach Guns N’Roses schreiben, aber eben nicht Guns N’Roses sind. Also verdammt noch mal, Slash, steck dir die Fluppe in die Fresse und nimm ab, wenn Axl anruft. Noch ist es nicht zu spät. Ich zünde jedenfalls jetzt eine Kerze an, trinke drei Flaschen Rotwein, höre „Use Your Illusion“ und weine ein bisschen.

P.S. Rente?