Slipknot-5-Gray-Chapter-Review

[dropcap size=big]S[/dropcap]chicksalsschläge hin oder her – verleugnen muss man sich doch wirklich nicht. Oder hab ich in der Hamburger Schule, in Wilhelmsburg, was verpasst? Derbe auf die Fresse gab es hier. Da half auch der Verweis auf den vermeintlich größeren Bruder nichts mehr (den es im Übrigen nie nicht gab). Hier wurde, ohne Respekt vor der babyzarten, glatten Haut und der Schönheit, einfach mitten in die Fresse geschlagen. Verlust der Zähne? Selbstverständlich. Verlust der körpereigenen Funktionen? Garantiert. Rachepotential? Vorhanden. Die Verbindung zwischen Verleugnung und „Auf-die-Fresse“ habe ich zwar selbst nicht wirklich verstanden, aber ich fand, es passte einfach herrlich zusammen. Und Ihr müsst zugeben: Hätte ich nicht erwähnt, dass es eigentlich keinen Zusammenhang gibt, wärt Ihr da selbst nicht drauf gekommen. Und, das ist das wichtigste überhaupt, ich hatte Euch schon im Sack. Tief in Eurem kleinen, schmächtigen und von Narben übersäten Körper habt Ihr Euch in diesen Worten wiedergefunden. Jeden morgen schwitzend vor dem Spiegel stehend, das Gesicht vor Angst verzogen. Die blanke Angst quillt wie Eiterpickel aus jeder Eurer Poren. Das Kenwood-Doppelkassettendeck-CD-Spieler-Kombi-HiFi-System spielt zum 174. Mal die Modern-Talking-Kassette und Ihr wünscht Euch so sehr, dass Ihr härter wärt. Willkommen in der zornigen Welt von Corey Taylor und Slipknot.

 

Die Cheri Lady ist unantastbar

Aber Ihr versteht gar nicht, warum nicht mehr Eurer unendlich coolen Klassenkameraden Thomas Anders und Dieter Bohlen super finden. Für Euch sind diese Typen sowieso die Ausgeburt der Hölle. Der Bravo-Starschnitt wurde wegen Modern Talking erst erfunden. Blaupausen für jeden Teenie. Thomas Anders ist so androgyn, Du weißt gar nicht, ob Du schwul oder pädophil bist. Und Du gehst raus. Mit der unerschütterlichen Härte eines „Cheri Cheri Lady“ auf dem Ohr glaubst Du, nichts und niemand kann Dir etwas anhaben. Bis Dir die Faust von Kalle Grabowski den Kiefer zertrümmert. Dein Nachbar. Mit dem Du früher immer fangen gespielt hast. „Das ist und bleibt mein bester Freund“, dachtest Du. Von wegen. Bilder Deiner Jugend ziehen vor Deinem geistigen Auge vorbei. Du denkst, Dein unnützes Leben ist endlich vorbei. All das Leiden hat ein Ende. Nie wieder den Kopf in der kurz zuvor vollgeschissenen Toilette. Nie wieder an der Feinrippunterhose von Schiesser baumelnd an der Garderobe hängen. Nie wieder beim “Auf-den-Keks”-Wettonanieren letzter sein. “5: The Gray Chapter” hilft all das Leid, all diese Tränen vergessen zu machen. Lässt Wut entstehen, schenkt Wut eine Form. Laut und bedrohlich.

 

modern-talking
Ey Thomas, willste nen’ Duplo?

 

…Und plötzlich knabbert was an Deinem Ohr!

Aber Dein zu klein geratener, komplett unterentwickelter Fleischklumpen namens Gehirn hatte (mal wieder) Unrecht. Ein markerschütternder Schrei berührt dein Trommelfell. Lässt es vibrieren. Du glaubst zu hören, dass Deine Rippen brechen, doch es das Mädchen in Dir, das bricht. Also nicht sprichwörtlich so mit Bröckchen und Galle, sondern das Mädchen mutiert zum männlichen Michael Myers. Dir wird bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Du spürst den Hass in Dir. Ein unbeschreibliches Gefühl. Übermut überkommt Dich und Du rennst auf Kalle zu. Noch bevor Du ihn erreichst, siehst Du die Situation schon vor Dir. Deine Fäuste in seinem Gesicht. Die Nase dreimal gebrochen. Blut spritzt förmlich aus ihm heraus. Die Wangenknochen sind nur noch Splitter. Der Kiefer hängt herunter. Seine Augen blutunterlaufen. Das ist Dein Ziel. Und “5: The Gray Chapter” der Soundtrack für die Szenerie Deiner Rachgelüste…Ein verkorkstes Leben gepresst auf Platte. Zorn, Angst und Wut gepresst in eine Wulst aus Hass.  Wie auch schon zuvor wissen Corey Taylor und seine Maskentruppe die Emotionen einer verloren Generation in harte Riffs und treibende Rhythmen zu packen. Neu ist lediglich die umbarmherzige Härte, die manchmal schon Death Metal-resk daherkommt.

 

Lauf Forest, lauf !

Das Leben ist eine Pralinenschachtel. Ganz ehrlich? Das ist gequirlte Scheiße. Du siehst doch schon von außen, was in der Packung ist. Glaubst du nicht? Ist aber so. Ernsthaft. Und das Bild des blutigen Kalle bleibt auch ein Bild. Denn Du stolperst. Hast den Stein nicht gesehen. Du stirbst. Doch kein Happy End. Loser bleibt Loser. Slipknot bleiben Slipknot. Bleibt alles anders. The Gray Chapter ist was es ist: Hast du Slipknot im Ohr, sind alle anderen ein Thor. Das sind Weltweisheiten. Nichts mit Pralinenschachtel. Mann, Mann, Mann…