[dropcap size=big]I[/dropcap]ch will ganz ehrlich sein: Die Chancen stehen gut, dass St. Vincent Dich nicht leiden kann. Aber trockne Deine Tränen, Homunkulus, höchstwahrscheinlich hat das nicht mal was mit Dir zu tun. Gut, vielleicht schon, vielleicht bist Du einfach jemand, der es anderen Leuten schwer macht, etwas anderes in ihnen auszulösen als Ekel und den Wunsch, Dich in einen Sack zu stecken und ins Meer zu werfen. Aber selbst wenn Du ein recht angenehmer Zeitgenosse sein solltest, jemand, der weder durch besonders übermäßigen Körpergeruch noch durch auffällige Hässlichkeit auffällt, wird all das keinerlei Eindruck auf Annie Clark alias St. Vincent alias die so ziemlich spannendste und beste Pop-Künstlerin dieser Tage machen. Sie mag Menschen einfach nicht besonders arg. Und das ist etwas, was ich vollkommen in Ordnung, gar unterstützenswert und mehr als nur ein wenig sinnvoll finde. Sieben Milliarden, ey, da kriegt man doch zu viel! Das Problem ist nur, dass St. Vincent Musikern ist, eine recht erfolgreiche noch dazu, und sie damit automatisch in der Öffentlichkeit steht. Eben da, wo für gewöhnlich ziemlich viele Menschen herumlungern. Ich war kürzlich einer davon. Und habe mich von ihrer Aura der Unnahbaren ebenso wenig abschrecken lassen wie von der zeitintensiven Auseinandersetzung mit ihrem selbstbetitelten letzten Album. Hat sich gelohnt. Also beides. Sonst wäre mir einerseits eines der Pop-Alben des Jahres und andererseits ein arg schönes Gespräch entgangen. #lovemylife #yolo und so weiter.

 

Warum machst Du es Journalisten eigentlich manchmal so schwer, Annie?

„Das Geheimnis ist doch stets verlockender als das Offensichtliche, oder nicht? Ich unternehme jedoch keinen bewussten Versuch, mich in Geheimnisse zu hüllen und lenke Gespräche eher unbewusst in eine Richtung, die ich selbst interessant finde. Und über mich zu sprechen ist nun mal nicht allzu interessant für mich, musst Du wissen. Außerdem gibt es Menschen in meinem Leben, die mir viel zu wichtig sind, als dass ich sie durch ein allzu offenes Auftreten meinerseits dieser Öffentlichkeit aussetzen möchte.“

 

Die private Annie Clark ist also ein völlig anderer Mensch als die kühne St. Vincent auf der Bühne? So ein klein wenig schizophren vielleicht?

„Ich sehe mich gar nicht so zweigeteilt und schizophren bin ich auch nicht, glaube ich. Ich bin seit einem Jahr auf Tournee und kann meine freien Tage an einer Hand abzählen. Und selbst wenn ich doch mal einen freien Tag habe, steht meist irgendetwas an: Interviews wie dieses hier, Fotoshootings, Songwriting. Das will ich so, aber das geht klar zu Lasten der Privatsphäre, der Persönlichkeit. Das wenige, was mir dann noch von mir bleibt, behalte ich also lieber für mich.“

 

Und was machst Du, wenn Du wirklich mal einen freien Tag hast?

„An einem freien Tag auf Tour komponiere ich gerne, weil ich dann die nötige Ruhe dazu habe. Oder ich gehe laufen, mache irgendwas gesundes. Meine Show ist sehr körperlich und anstrengend, da muss ich in Form bleiben. Ich achte immer sehr darauf, auf Tour auf mich achtzugeben, und bin sehr froh, dass das meine gesamte Crew ganz ähnlich sieht…“

St. Vincent Gif

Okay, langweilig. Du bist 32 , hast mit zwölf Jahren Gitarre gelernt, warst Tourmanagerin, warst sogar mal am Berklee College und bist seit 2006 professionelle Musikern. Ein normaler Teenager warst Du wahrscheinlich nicht!?

„Ich habe zumindest relativ viel Zeit auf meinem Zimmer verbracht. Meine Freunde waren deutlich aktiver, regelrecht wild, und drehten auf den Straßen von Texas regelmäßig durch. Für mich war das nichts. Ich saß auf meinem Bett, zündete ein paar Kerzen an, spielte Gitarre und wartete auf die Muse.“

 

Kitschig, aber irgendwie auch schön. Wann kam die Muse denn?

„Ich erinnere mich noch daran, dass ein Pick-Up-Truck eines Tages bei einer scharfen Kurve mal direkt vor unserem Haus eine Kiste mit jeder Menge Schallplatten verlor. Natürlich hätten wir ein Schild aufhängen müssen, weil jemand diese Platten bestimmt vermisste, doch der Reiz, sie zu behalten, war zu groß. In den nächsten Wochen hörte ich mich staunend durch die Pet Shop Boys, Nine Inch Nails, Metallica… jede Menge cooler Kram also, der mich sofort begeisterte.“

 

Hui, gab das zuhause keine Probleme? Immerhin bist Du katholisch in Texas aufgewachsen.

„Ach, es herrschte zwar eine religiöse Atmosphäre, jedoch übte meine Familie ihren Glauben nicht gerade aktiv aus. Das machte uns ein wenig zu den schwarzen Schafen. Wir waren also katholisch, aber eher aus kultureller Sicht, mir hat diese Religion bis auf manche Narben auf meiner Seele allerdings gar nichts gebracht.“

 

Dann doch lieber Musik. Die ist für Annie Clark eh so etwas wie ein Glaubensbekenntnis. Wer kantigen, spannenden Indie Pop mag, verehrt die heute in New York lebende sowieso längst. Und wer nicht, wird das spätestens tun, wenn er mal die Möglichkeit hatte, mit ihr zu sprechen. Ich meine, allein die Tatsache, dass sich ihr Bandname auf einen Nick-Cave-Song bezieht, in dem er auf das Krankenhaus anspielt, in dem Dylan Thomas starb, ist Beweis genug für ihre Coolness. Da darf man auch ruhig mal keinen Bock auf Leute haben, finde ich.