Kritik: Zinnschauer - Hunger.Stille

[dropcap size=big]L[/dropcap]iebste Musikbesserwisser. So etwas wie das Genre „Singer und/oder/auch Songwriter“ gibt es nicht. Wenn es sich jemand mit seiner Gitarre auf dem Ikea-Sofa gemütlich macht, sich dazu einen Tetrapack Billigrotwein von der Tanke gönnt und seinen Gefühlen freien Lauf lässt, dann studiert diese Person entweder ein Fach, das zwischen Bedeutungslosigkeit und blindem Idealismus torkelt, oder sie ist schlicht und ergreifend waschechter Musiker. Und nur weil Ihr nicht imstande seid, dessen musikalisches Schaffen jenseits von 4/4-Takten und pseudoemotionaler Kinderbuchlyrik in Worte zu fassen, müsst Ihr sie nicht mit einem solchen Unwort wie „Singer/Songwriter“ in Euren überlaufenden Topf vor sich hinfaulender Schubladenklischees schmeißen und ein Mal kräftig umrühren. Das wird guten Typen wie Zinnschauer nämlich in keiner Weise gerecht.

„Lateralus“ von Tool, eingespielt auf einer Zitter, „El Cielo“ von Dredg, wiedergegeben mit einer verstimmten Kirchenorgel und „Dark Side Of Moon“ von Pink Floyd, neu aufgelegt auf einer ukrainischen Reibetrommel – würde jemand behaupten, progressive Musik könne auch auf akustischen Instrumenten funktionieren, hat dieser jemand entweder ein wenig zu viel Löschpapier genascht oder ist schlicht und ergreifend ein Idiot. Das Problem: Zinnschauer tut genau dies und spaltet damit Gemüter. Zum Glück jedoch nur die einfachen.

 

„Nein Mama, Du darfst nicht mit in den Moshpit!“

Dieser junge Musiker schafft mit seiner Gitarre Songwelten, in denen man sich nicht nur leicht verliert, sondern die man auch so schnell nicht wieder verlassen kann. Viel zu fesselnd sind die formlosen Strukturen, der schizophrene Gesang zwischen Zerbrechlichkeit und Wut, die zwar im poppigen Gewand daherkommen, ihren Ursprung aber definitiv in der Musik härterer Gangart haben. Zinnschauer macht Math-Rock für Weicheier. Post-Hardcore für Hausmütterchen. Im Endeffekt schreibt dieser Bursche wahrlich komplexe Themen und verpackt diese in einem auditiven Malbuch für Vorschulkinder – musikalisch wie textlich.

Dog Gif
„Ey, was hab ich gesagt? Alter, ich mach mich fertig. Ich Opfer!“

Was Zinnschauer technisch auf „Hunger.Stille“ abliefert, ist ganz einfach meisterlich und wirkt doch wie aus dem Ärmel geschüttelt. Inhaltlich mögen sich manche Textzeilen wie Beiwerk lesen, wie ein Sammelsurium unverständlicher Floskeln; setzt man sich jedoch auch nur ein wenig mit dem auseinander, was uns der Hamburger an seiner Klampfe vermitteln möchte, wird schnell klar: „Hör mich an, ich lebe, ich liebe, ich leide und so hört sich das an. Du Opfer.“

 

„Deine Zähne zittern / Wenn Du lachst / Und nur so tust / Und wenn Du nicht lügst / Dann schweigst Du nur“

 

„Kopf hoch min Jong, nimm‘ erstma‘ Taschentuch!“

Bunt ist „Hunger.Stille“ und dabei doch so trist: Ein Farbenmeer aus Grau, in dem man nur allzu gerne badet, selbst wenn es nur scher zugänglich ist für die wahnwitzige Palette menschlicher Emotionen. Mit seiner zähneschwitzenden Kammermusik erzählt Zinnschauer keine Geschichten, er beschreibt Situationen und Gedanken, er huldigt flüchtigen Blicken und zarten Momenten. Das kann man nun sperrig finden – oder eben tiefgründig. Auf jeden Fall ist es alles andere als oberflächlich.

Eigentlich ist es richtig schade, dass Künstler wie Zinnschauer und Werke wie „Hunger.Stille“ den Weg an eine breitere Öffentlichkeit geebnet bekommen. Wirklich verstehen werden das hier nämlich die wenigsten. Aber vielleicht reicht es ja für Zinnschauer selbst, durch ein paar verkaufte Platten mehr seinen Hunger zu stillen. Er hätte es verdient.

PS: Chapeau!